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Nachlese zu Tintagel: Quellensalat

Tintagel (kornisch Trevena) ist so bekannt wie unbekannt. Besiedelt ist es seit Jahrhunderten; erstmals so genannt wurde es vermutlich im Jahr 1136; in der Historia Regum Britanniae von Geoffrey of Monmouth ist von „Tintagol“ die Rede. 50 Jahre früher, im Domesday Book (einer Art Grundbuch), wurde nur die nahegelegene Gemeinde Bossiney erwähnt, die damals nicht dem König, sondern dem Count of Mortain gehörte und den Felsen namens Trevena umfasste. Möglicherweise war Tintagel zwischen mehreren Blütezeiten sehr lange so gut wie unbewohnt.

Hier beginnt die (lange) Liste der Besitzungen des Count of Mortain in Cornwall im Domesday Book. Wer viel Geduld hat, kann im Scan ja mal nach Bossiney suchen.

Eine weitreichende These von Charles Thomas (nachzulesen bei Rodney Castleden, S. 57) besagt, dass der „Geograph von Ravenna“ eine Burg in Cornwall aufführt, die als „Durocornovio“ bezeichnet wird, also wörtlich „Festung von Cornwall“, und auf die Stelle weisen könnte, wo sich heute Tintagel befindet. Da die Cosmographia von Ravenna um 700 verfasst würde, befänden wir uns mitten in den Dark Ages, über die so wenig überliefert ist (daher der Name), und hätten einen Anhaltspunkt für eine Anlage in poströmischer Zeit. Einem anderen bekannten Ort lässt sich der Name jedenfalls nicht zuordnen. Trotzdem: Ein einzelnes Wort in einer Liste, eher eine vage Spur. Außerdem war das Wort auch noch anders geschrieben, nämlich „Purocoronavis“, aber das kommt in dieser Übertragung anscheinend öfter vor. Naja.

Vielleicht hat Geoffrey sich den Namen einfach ausgedacht (möglicherweise nicht die einzige künstlerische Freiheit, die er sich in seinen Chronik genommen hat, nach der ein gewisser Brutus, Nachkomme Aeneas‘, Stammvater der Briten sein soll); jedenfalls war er danach in der Welt und tauchte überall auf: Mal als Tintajol, mal als Tintague, meist in Verbindung mit Artus, Tristan und Isolde oder Parsifal. Seine literarische Bedeutung scheint die tatsächliche also gelegentlich überschattet zu haben. Die Artus-Begeisterung des Hochmittelalters war vermutlich sogar der Grund, weshalb Richard, Earl of Cornwall, im 13. Jahrhundert das Land erwarb und dort eine für damalige verhältnisse altmodische Burg errichten ließ, die von seinen Nachfolgern jedoch bald vernachlässigt wurde und verfiel.

Auch Tristan war mal auf Burg Tintagel, laut Eilhart von Oberge (um 1200) hielt dort sein Onkel König Marke Hof. Hier in einem Druck von Michael Endter (Nürnberg 1653).

Vielleicht ist es aber gar nicht so einfach, und Tintagel war früher durchaus wichtig, nur dass eben keine schriftlichen Dokumente (mehr) existieren, die das belegen können. In unserer letzten Sendung haben wir über Tintagel gesprochen, weil dort gerade ein mehrjähriges Grabungsprojekt läuft. Der Zwischenbericht, der dieses Jahr erschienen ist, liest sich schon sehr spannend: Hunderte von Funden unterschiedlichster Art aus fünf Epochen wurden geborgen und sortiert und harren jetzt zum großen Teil noch ihrer materiellen Untersuchung – also zum Beispiel ihrer C14-Datierung oder chemischen Analyse. Bei dürrer Quellenlage sind solche Methoden natürlich besonders interessant.

Und man kann es nicht oft genug betonen: Die Quellenlage ist sowas von dürr. Tintagel liegt im Südwesten Englands, an der Küste von Cornwall, die nach Westen zeigt, also nach Wales bzw. Irland. Der Ort selbst ist außerdem auf hohen Steilklippen gelegen und vom Festland durch eine winzige Landbrücke getrennt, die im Laufe der Jahrhunderte immer schmaler wurde. Kurz gesagt, eher provinziell. Daher scheint es ziemlich bemerkenswert, was für eine Bedeutung ihm zukommt. Gewiss, die Vermarktung des Artus-Mythos (die übrigens keine Erfindung der Neuzeit ist) hat ihren Teil zur Bekanntheit dieses Namens beigetragen. Im Frühmittelalter jedoch, also nachdem die Römer sich aus Britannien zurückgezogen hatten, war die abgelegene Halbinsel auch schon besiedelt, und zwar offenbar nicht von irgendwem: Kostbares Geschirr, Glasgeräte und Reste von erlesenen Speisen zeugen davon, teilweise aus fernen Ländern jenseits des Mittelmeers importiert.

Der Artognou Stone, gefunden 1998 in Tintagel. Von Eucsgmrc. CC BY-SA 4.0

War Tintagel eine Art Sommerresidenz für die Könige von Dumnonia? Gab es trotz allem vielleicht doch einen König oder wenigstens militärischen Anführer namens Artus, der zwar kein Zauberschwert besaß, aber immerhin einige entscheidende Schlachten gegen die Angelsachsen gewonnen hat und auf Schloss Tintagel gewohnt hat? 1998 gab der Fund einer steinernen Plakette mit dem Namen „Artognou“ den Befürwortern dieser Theorie neuen Aufschwung, konnte aber ihre Gegner kein bisschen überzeugen. Vorerst bleibt es also spannend!

Für alle, die sich näher für die Themen Tintagel und Artus interessieren:

Tintagel Castle ist heute eine der wichtigsten Touristenattraktionen in England überhaupt. Auf der Facebook-Seite für das 2017er Ausgrabungsprojekt werden derzeit fast täglich neue Bilder veröffentlicht. Ein kurzer Überblick über die bislang gesichteten Funde lässt sich hier nachlesen. Und natürlich hat auch Time Team mal eine Episode über King Arthur gemacht. Darin findet sich auch eine sehr interessante Lesart der Geschichte mit dem Schwert, das im Stein steckt, die bis in prähistorische Zeiten weisen würde.

Rodney Castleden hat eines der vielen Bücher über König Artus verfasst: King Arthur: The Truth Behind the Legend, erschienen 2003 bei Taylor und Francis. Dort gibt es auch ein interessantes Kapitel über Tintagel und seine Archäologie.

Wer sich einfach gerne kurz über zentrale Begriffe im Artus-Mythos informieren möchte (und bei der Gelegenheit über eine Fülle mittelalterlicher Quellen zum Weiterlesen stolpern), dem hilft das tolle Artus-Lexikon von Rudolf Simek aus dem Reclam-Verlag (2012).

Ein Nachdruck der lateinischen Cosmographia aus dem Jahr 1860 findet sich zum Beispiel hier; die fragliche Stelle ist auf Seite 424.

Die Geschichte der englischen Könige von Geoffrey of Monmouth in englischer Übertragung liegt bei Wikisource (auch auf Latein, aber Buch 8, wo Tintagel erwähnt wird, fehlt leider).

Und auf der Seite von English Heritage wird schließlich der Ausgrabungsreport von 2016 zur Verfügung gestellt, mit Bildern, Karten und einer umfangreichen Fundliste (Achtung, großes pdf).

Wem es gar nicht um historische Genauigkeit, sondern spannende Geschichten geht: Bitte sehr.

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Fels in der Brandung

„My passion for Igerna is such that I can neither have ease of mind, nor health of body, till I obtain her: and if you cannot assist me with your advice how to accomplish my desire, the inward torments I endure will kill me.“—“Who can advise you in this matter,“ said Ulfin, „when no force will enable us to have access to her in the town of Tintagel? For it is situated upon the sea, and on every side surrounded by it; and there is but one entrance into it, and that through a straight rock, which three men shall be able to defend against the whole power of the kingdom.*

So dramatisch ging es in Großbritannien in den sogenannten Dark Ages zu – jedenfalls, wenn man denen glaubt, die diese Geschichten Jahrhunderte später aufgeschrieben haben. Das meiste, was Geoffrey of Monmouth da so erzählt über Uther, Artus & Co., beruht, vorsichtig ausgedrückt, auf eher dünner Beweislage. Seine Beschreibung der Burg Tintagel dagegen kommt der Wahrheit ziemlich nahe. Tintagel gibt es. Hoch über der Küste von Cornwall gelegen, von Steilhängen umgeben, ist es ein perfekter Ort, um eine Festung zu errichten. Dies wurde offensichtlich auch mehrmals getan; die archäologischen Funde reißen und reißen nicht ab. Wir gucken uns das mal an – heute abend, 20:00, bei Skulptur kaputt auf Radio Blau.

 

Soll in Tintagel geboren sein: König Artus. Hier beim Grillen mit einem Riesen. Illustration aus dem Roman de Brut von Wace, freundlicherweise eingescannt von der British Library, in deren Katalog man schnell Stunden verliert. CC0 1.0

*Geoffrey of Monmouth: Historia Regium Britanniae, Buch 8 (ca. 1136), aus dem Lateinischen ins Englische übertragen von Aaron Thompson und J.A. Giles.

Von Walrossen und Bischöfen

Walrosse sind toll. Sie können drei Meter lang, eine Tonne schwer und 40 Jahre alt werden. Außerdem lassen sie sich natürlich ihre berühmten Stoßzähne wachsen, einen halben Meter und länger. Genau das aber ist ihnen jahrhundertelang zum Verhängnis geworden: Als „Elfenbein des Nordens“ waren diese Zähne ein begehrtes Material für Kunstgegenstände, Waffen, und manchmal eben auch – Schachfiguren. Zum Beispiel die sogenannten Lewis Chessmen, über die wir in unserer letzten Sendung bei Radio Blau sprachen.

Dieses Walross ist nicht nur gut gekleidet und Hauptfigur eines berühmten Gedichtes, sondern hat zum Glück auch seine Stoßzähne noch.

Dieses Walross ist nicht nur gut gekleidet, sondern hat zum Glück auch seine Stoßzähne noch (seine größte Sorge ist der viele Sand. Aber das ist eine andere Geschichte).

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Verlorene Schätze (1) – Johann Ohnekrone

Heieiei, wie die Weihnachtszeit uns immer in Beschlag nimmt! Und urplötzlich war der ganze Glühweinspuk schon wieder vorbei, 2016 kam mit Siebenmeilenstiefeln angeböllert und zack war unser erster Sendetermin des Jahres da; diesmal, am 13.01.16 um 20:00, beschäftigten wir uns bei Radio Blau mit dem Thema verlorene Schätze. Wir begannen also mal ein bisschen unseriös und stocherten im Nebel der sagenumwobenen verlorenen Dinge, die eben gerade noch nicht ausgegraben sind. Wenn es sie denn überhaupt jemals gegeben hat.

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Guédelon – Party like it’s 1228 (1)

Guédelon war unser zweites Thema bei Skulptur kaputt und wurde am 22.07.2015 um 18:00 ausgestrahlt.

Wenn ich mich dafür interessiere, wie man heutzutage beispielsweise einen Flughafen baut, kann ich die Baustelle besichtigen. Ich kann mit Menschen reden, die daran beteiligt sind, Pressestellen kontaktieren und mich vielleicht sogar zu eigens angebotenen Führungen anmelden. Über Einzelheiten und Probleme, die zum Beispiel der Brandschutz aufwirft, werde ich manchmal sogar ganz unfreiwillig informiert, indem ich einfach nur eine Zeitung aufschlage.

Wenn ich aber gerne wissen möchte, wie vor 800 Jahren eine Burg gebaut wurde, ist das schon wesentlich schwieriger – obwohl die Zahl solcher Anlagen allein in West- und Mitteleuropa fünfstellig ist (zum großen Teil existieren freilich, wenn überhaupt, nur noch Ruinen). Wir sind darauf angewiesen, das, was noch steht zu untersuchen und zeitgenössische Quellen zu befragen. Viele Fragen lassen sich so beantworten – wer veranlasste den Bau, woher kamen die Materialien, wieviele Menschen beherbergten die Gebäude, und so weiter.

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Der bucklige König vom Parkplatz (3): Isotope, Wein und eine verspätete Feier

Richard III. war unser allererstes Thema bei Skulptur kaputt und wurde in einer zweistündigen Sendung am Dienstag, den 02.06.2015 ausgestrahlt.

Man sollte nicht meinen, wieviel unsere Knochen auch noch Jahrhunderte später über unser Leben verraten. Zwar helfen sie uns weder dabei, herauszufinden, ob Richard III. nun seine Neffen umgebracht hat oder nicht, noch ob er wirklich die Worte „Ein Pferd, ein Pferd, mein Königreich für ein Pferd“ geäußert hat. Aber wir wissen jetzt, dass Könige offenbar mehr Fleisch zu sich nehmen als Dukes of Gloucester, und dass der junge Monarch entweder kräftig gefeiert hat oder allerhand Sorgen in Alkohol ertränken musste.

Wie um alles in der Welt finden wir so etwas heraus, wenn wir nichts haben als ein paar Knochen und Zähne?

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Der bucklige König vom Parkplatz (2): Die Ausgrabung

Richard III. war unser allererstes Thema bei Skulptur kaputt und wurde in einer zweistündigen Sendung am Dienstag, den 02.06.2015 ausgestrahlt.

Menschen haben die außergewöhnlichsten Hobbys. Die einen sammeln Kronkorken, die anderen züchten Vogelspinnen. Wieder andere spielen Radball und manche widmen ihre besten Jahre der Aufgabe, den Ruf eines mittelalterlichen Königs gerade zu rücken. Den Letztgenannten, der Richard III. Society, ist es zu einem guten Teil zu verdanken, dass 2012 ein ausgezeichnetes Jahr für die britische Archäologie wurde.

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