Mehr als die Summe seiner Tesserae*

Schwer zu sagen, wann der erste Mensch auf die grandiose Idee kam, aus einem Sack Steinchen oder Glasböppel ein Bild zu schaffen. Ganz groß wurde diese Kunst spätestens in der römischen Antike, und seitdem ist sie aus Tempeln und Kirchen, Palästen und dem Niedersachsenstadion nicht mehr wegzudenken: Es geht um das mosaicum opus, das „Werk für die Musen“, das Mosaik also. Glaubt man der Wikipedia, gibt es Mosaiken schon länger als den modernen Menschen, nämlich seit fast 400.000 Jahren. Das ist jetzt vielleicht ein bisschen übertrieben. Ohne Frage ist es spektakulär, dass auch Homo Erectus schon gepflasterte Plätze kannte, aber die Qualität etwa der Darstellung von Kaiserin Theodora oder der Innenhöfe von Herculaneum wurde von den Urthüringern wohl noch nicht so ganz erreicht.

Mosaike überall! In Rom lohnt es sich, öfter mal auf den Fußboden zu gucken. Sowas hier zählt da zu den kleinsten Übungen und wird nirgends weiter erwähnt.

Mosaike überall! In Rom lohnt es sich, öfter mal auf den Fußboden zu gucken. Sowas hier zählt da zu den kleinsten Übungen und wird gar nicht weiter erwähnt.

Trotzdem gut, dass sie einmal damit angefangen haben, denn in ihrer langen Geschichte hat die Darstellungsform Mosaik eine unglaubliche Vielfalt an Größen, Formen, Farben, Materialien, Stilen und Anwendungsbereichen entwickelt. Das Schöne an Mosaiken ist dabei nicht nur, dass sie eben schön sind, sondern auch, dass sie recht häufig aus dauerhaften Materialien gefertigt wurden, deren Farbe auch nach Jahrhunderten noch strahlt, selbst wenn sie auf dem Boden lagen. Wir wollen morgen abend (Mittwoch, 8.2., wie immer um 20:00 auf Radio Blau) mal versuchen, uns der Geschichte des Mosaiks und der dafür verwendeten Materialien zu widmen und das eine oder andere besonders erwähnenswerte Exemplar zu besprechen. Seid dabei!

 

*Nicht zu verwechseln mit dem Tesserakt!
Heißt es jetzt „die Mosaike“ oder „die Mosaiken“? Ich kann mich nicht entscheiden. Familie Duden erlaubt beides.

Walks on the Wild Side: Ein Industrieller erforscht die Armut

Schreibt ein Sozialist in einer Zeitung: 25 % unserer Stadtbevölkerung leben in Armut. Antwortet ein Konservativer: Glaub ich nicht. Ich untersuche das selbst. Der Sozialist: Bitte, mach doch. Find ich prima. Einige Jahre später: Der Konservative ist mit seinen Forschungen fertig und korrigiert die Zahl auf 30 %!  Dafür würdigt ihn ersterer in seiner später erscheinenden Autobiographie für seine Verdienste. Unvorstellbar? Genauso ist es geschehen gegen Ende der Zeit von Königin Victoria in London, und damit sollte einiges losgetreten werden; zum einen politisch, aber nicht zuletzt erhielt auch die Methodik der empirischen Sozialforschung einige wertvolle Inputs.

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Morgen, 11.1. bei Radio Blau: Limehouse Blues

Solche Tätigkeiten gabs auch.

Solche Tätigkeiten gabs auch. Aus „London Labour and the London Poor“ von Henry Hayfew, London 1861. Kann man dank der University of California hier durchlesen.

Was Queen Victoria wohl von Steampunk gehalten hätte? Man weiß es nicht. Sonst weiß man über sie natürllch sehr viel, und das unterscheidet sie von der überwiegenden Mehrheit ihrer Untertanen. Die Durchschnittsengländerin des 19. Jahrhunderts war keine Adlige, ihr Bruder kein berühmter Meisterdetektiv. Es wurden allerdings auch die wenigsten von irren Serienmördern umgebracht. Die Hauptprobleme der zahlreichen „kleinen Leute“, die ihr Leben in den Jugendjahren der Industrialisierung fristeten, waren viel profaner. Was esse ich heute, und wo kriege ich es her? Mein Job ist weg und die Vermieterin steht vor der Tür. Nebenan haben sie schon wieder Typhus, die Themse stinkt zum Himmel und jetzt ist auch noch die Teekanne kaputt.

Wir wühlen uns in unserer nächsten Sendung mal durch zeitgenössische Zeitungsartikel und archäologische Befunde, die an einem der trostlosesten vorstellbaren Orte sichergestellt wurden: im Abort dreier Mietshäuser in Limehouse, einer Londoner Gegend, die man heute wohl als „sozialen Brennpunkt“ bezeichnen würde. Schaltet ein! Mittwoch, 20 Uhr auf Radio Blau!

Morgen, 14.12. bei Radio Blau: Im Tempel tauchen!

Legendäre Städte faszinieren. Vor allem, wenn unklar ist, ob es sie tatsächlich gegeben hat; da teilt sich das Publikum häufig in Skeptiker und Befürworter, und diejenigen, die fest daran glauben und sich auf die Suche machen, werden von ihrem sozialen und fachlichen Umfeld bisweilen eher belächelt als unterstützt. Nicht jede Annahme einer irgendwann einmal gewesenen Siedlung ist gleich plausibel, und manche legendären Orte hat es wohl tatsächlich in der überlieferten Form nie gegeben. Aber es ist auch nicht alles Quatsch; denn ab und zu gelingt ja ein positiver Beweis. Niemand würde heutzutage mehr ernsthaft anzweifeln, dass es Troja gibt*, und diese Stadt schien über Jahrhunderte ins Reich der Sagen und Mythen verbannt.

Von Sailko - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

Helena von Troja passt hier aus drei Gründen rein: Sie soll auch mal in Herakleion gewesen sein. Beide Städte waren jahrhundertelang verschüttet. Und zu allem Überfluss stammt dieses Fresco auch noch aus Pompei. Als wolle jemand ihre Spur tilgen. Von Sailko, CC BY-SA 3.0

Noch ein bisschen spektakulärer ist es natürlich, wenn so ein sagenhafter Ort sich auch noch am Meeresgrund befindet. Das wirkt noch ein bisschen entrückter. So musste es vielleicht wirklich bis in dieses Jahrtausend dauern; bis es Satellitenfotos, GPS und leistungsstarke Sonargeräte gab nämlich, um die Orte wiederzufinden, über die wir am Mittwoch bei Skulptur Kaputt sprechen wollen: Das alte Königsviertel von Alexandria und die ägyptische Stadt Herakleion/Thonis, deren Existenz nur in sehr wenigen antiken Quellen erwähnt wird und deshalb tatsächlich bis zuletzt angezweifelt wurde.

Wie es Städte aus dem alten Ägypten so an sich haben, war natürlich nicht nur die Entdeckung an sich spektakulär, sondern auch die Fundstücke, die zehn Meter unter der Oberfläche geduldig auf tauchende Archäologen gewartet haben. Vielleicht gestattet mir Lars sogar, ein paar Minuten über Technik zu sprechen. Also Schnorchel** auf und eingeschaltet um 20:00!

 

*Das nehme ich natürlich sofort zurück. Irgendwer bezweifelt das bestimmt. Aber diese Leute nehme ich hier qua Hausrecht mal kurz nicht ernst.

Morgen, 16.11. bei Radio Blau: Bis ans Ende der Welt!

Polynesien liegt sehr weit weg, praktisch egal von wo man guckt. Umso erstaunlicher ist es, dass die verstreuten Inseln im Pazifik schon sehr, sehr lange besiedelt sind; mindestens seit 3000 Jahren, wahrscheinlich schon viel länger. Weitgehende Uneinigkeit scheint allerdings darüber zu herrschen, wo die Menschen herkamen, die als erstes die Vorzüge von blauen Lagunen und Ukulelenmusik für sich entdeckt haben. Kamen sie aus Neuguinea und betrieben eine Art Inselhopping?  Kamen sie aus Amerika und überließen sich für mehrere Monate der Strömung, ohne auch nur ahnen zu können, ob jemals wieder Land in Sicht sein würde? Waren es gewiefte Seefahrer vom asiatischen Kontinent? Linguistik, Keramik, Pflanzen und Windrichtungen geben zwar jedes seine Hinweise, aber eigentlich schreien sie alle durcheinander und wollen nicht so recht zusammenpassen. Lars und ich gucken uns das morgen mal an, also raus aus der Kälte und – wenigstens in Gedanken – ab in die Südsee!

Ozeanien. Wer da ist, ist sehr weit weg. Manchmal ist das bestimmt gar nicht so schlecht.

Noch ein paar Tausend Kilometer von Australien aus in See gestochen, und wir sind in Polynesien. Wer da ist, ist sehr weit weg. Manchmal ist das bestimmt gar nicht so schlecht. Karte geklaut bei den Wikimedia Commons.

Guédelon (2): Massen und Messen

Es ist schon ein Weilchen her, dass wir im Radio über Guédelon gesprochen haben. Währenddessen ging es auf dieser Baustelle aber voran: Langsam, aber stetig wachsen die Mauern, werden die Innenräume dekoriert und nähert sich die Burg ihrer Fertigstellung, die für das Jahr 2023 geplant ist.

Dass so ein Burgbau lange dauert und schwierig ist, liegt auf der Hand. Wie er sich aber zu gotischen Zeiten ganz genau abgespielt hat, kann man sich wohl kaum vorstellen, wenn man nicht selbst dabei war; genau das ist die Motivation hinter dem ganzen Projekt. Am Anfang stand die Frage „Wie haben die das gemacht?“ Und da man niemanden mehr fragen kann, der vor 800 Jahren dabei war, ist eine mögliche Antwort eben: „Probieren wir es aus!“

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Das Crossrail-Projekt (1): Ein Tunnel durch 2000 Jahre London

Eine Stunde Radiosendung zu bestreiten kann manchmal viel schwieriger sein, als es drei Stunden wären. So ähnlich ging es uns bei unserer letzten Sendung am 19.10.: So viel Material, was lässt man da weg?

„So viel Material“, das sind im Wortsinn sagenhafte 5 Millionen Tonnen Abraum. Diese fallen derzeit in London an, wo ein sehr ehrgeiziges Bauprojekt durchgeführt wird*, nämlich eine Bahnverbindung von Reading im Westen bis Shenfield im Osten: Das Crossrail-Projekt, mittlerweile auch Elizabeth Line genannt. Das Besondere daran: Unter der Stadt London muss dafür ein neuer Tunnel gebohrt werden, und zwar bis zu 40 Meter tief. Zusätzlich entstehen fünf neue unterirdische Bahnhöfe.

Ein historisches Gebäude musste der neuen Bahnlinie weichen: Hier stand das Astoria Theater.

Ein historisches Gebäude musste der neuen Bahnlinie weichen: Hier stand das London Astoria Theatre. Geklaut von carlbob auf Flickr. CC BY-SA 2.0

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