Walks on the Wild Side: Ein Industrieller erforscht die Armut

Schreibt ein Sozialist in einer Zeitung: 25 % unserer Stadtbevölkerung leben in Armut. Antwortet ein Konservativer: Glaub ich nicht. Ich untersuche das selbst. Der Sozialist: Bitte, mach doch. Find ich prima. Einige Jahre später: Der Konservative ist mit seinen Forschungen fertig und korrigiert die Zahl auf 30 %!  Dafür würdigt ihn ersterer in seiner später erscheinenden Autobiographie für seine Verdienste. Unvorstellbar? Genauso ist es geschehen gegen Ende der Zeit von Königin Victoria in London, und damit sollte einiges losgetreten werden; zum einen politisch, aber nicht zuletzt erhielt auch die Methodik der empirischen Sozialforschung einige wertvolle Inputs.

We arrived at the conclusion that no fewer than 25 per cent of the workers of the metropolis were in receipt of weekly wages upon which it was quite impossible for them to live […] in such wise as to keep themselves […] from slow but sure physical deterioration. […] One day, however, Mr. Charles Booth […] came to our house […]. He told me plainly that in his opinion we had grossly overstated the case. He admitted there was great poverty in the metropolis along the workers, but he maintained that to say that there were no fewer than 25 per cent who existed below the line of reasonable subsistene was to make a statement which could not possibly be substantiated over the whole area. […] then he told me that he himself intended to make, at his own expense, an elaborate inquiry into the condition of the workers of London: the wages they received and the amount of sustenance they could obtain […], he being quite certain he would prove us to be wrong. […] But what was the result of Mr. Booth’s historic investiation, which has rightly gained for him international recognition abroad and very high honours at home? […] It appeared that instead of 25 per cent of the working class [..], 30 per cent and more were sunk in this slough of economic and social despond.*

Bei den beiden Herren handelte es sich um den Autor Henry Hyndman und den Industriellen Charles Booth, beide politisch aktiv und auf ihre Weise sehr interessiert am sozialen Gefüge ihrer Stadt und getrieben vom Wunsch, dieses nicht nur zu erforschen, sondern auch zum Besseren zu wenden. Beiden, vor allem aber dem konservativen Booth, verdienen wir sehr detaillierte Aufzeichnungen über das Leben im ausgehenden viktorianischen Zeitalter. Er nahm seine selbst gestellte Aufgabe sehr ernst: Zwischen 1886 und 1903 verbrachten er, seine Frau und mehrere Assistenten, die eigens dafür eingestellt wurden, einen Großteil ihrer Zeit damit, die Londoner Stadtviertel zu durchstreifen und die Lebensverhältnisse der Menschen zu dokumentieren. Dafür begleiteten sie Polizisten auf Streife, interviewten Fabrikbesitzer und Menschen auf der Straße, besuchten Schulen und Wohnhäuser. Zwischenergebnis: Einige Kilogramm Notizbücher. Endergebnis: Vier dicke Bücher namens „Life and Labour of the People in London„, erschienen zwischen 1889 und 1903. Darin betrachtete er nicht nur das Einkommen und Vermögen der Menschen, sondern auch ihre Arbeitsverhältnisse in der Industrie und das religiöse Leben. Alles in allem ein ziemlich umfassendes Werk.

limehouse

Booth’s „Poverty Map“ von London, im Ausschnitt zu sehen: Limehouse, das Thema unserer letzten Sendung. Rot markiert die Gegenden bitterer Armut, schwarz diejenigen, in denen alle Hoffnung verloren ist. Public Domain, Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der London School of Economics and Political Sciences.

Nun sammelte Booth nicht nur Daten, sondern führte auch eine gewisse Kategorisierung der sozialen Schichten ein. Das Ergebnis lässt sich heute noch in Form eines Stadtplans bestaunen, in dem er zahlreiche Straßenzüge farbig markiert hat, je nachdem, welche Bevölkerungsschicht dort seinen Beobachtungen vorherrschend war. Dafür verwendete er sieben Kategorieren: Von „Upper-middle and upper classes. Wealthy“ über „Mixed. Some comfortable others poor.“ bis hin zu „Lowest class. Vicious, semi-criminal.“ Da hatte es sich auch mit seiner Menschenfreundlichkeit; die von ihnen als bösartige Halbkriminelle eingestuften (die passend auch die Farbe Schwarz zugewiesen bekamen) hielt er für unverbesserlich und jegliche Hilfe an sie verschwendet. Die entsprechenden Karten sowie eingescannte Notizbücher kann man übrigens dankenswerterweise einsehen**, aber ich warne ausdrücklich davor. Ich bin stundenlang von dieser Website nicht mehr runtergekommen, nachdem ich sie einmal angeclickt hatte.

Immerhin, seine Studien sorgten tatsächlich für einige Verbesserungen. Vor allem die Probleme Alters- und Kinderarmut erhielten die Aufmerksamkeit, die ihnen zustand, und die Tatsache, dass Krankheit und Alter größere Armutsrisiken sind als Faulheit (ach!). Es kam zu einigen Reformen, so wurde zum Beispiel die Essensversorgung an Schulen sowie eine gesetzliche Rente eingeführt, und erste zaghafte Vorstöße in Richtung Arbeitsschutz. Ähnlich wie anderswo mögen diese Sozialreformen durchaus von Angst vor den aufstrebenden Sozialdemokraten getrieben worden sein. Aber man muss konstatieren, dass ein reicher, eher marktliberaler Mensch mit florierendem Geschäft nicht nur mit Sozialisten befreundet sein konnte, sondern auch eine ergebnisoffene Feldforschung betrieben hat, die dazu geführt hat, dass er seine Einstellung zu sozialen Verhältnissen und Gerechtigkeit öffentlich korrigierte. Verrückte Zeiten…

*Henry Mayers Hyndman: The Record of an Adventurous Life. The Macmillan Company, New York 1911, S. 303 ff.
**Die Bibliothek der London School of Economics and Political Science hat einfach alles online gestellt: Charles Booth’s London

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