Das Crossrail-Projekt (1): Ein Tunnel durch 2000 Jahre London

Eine Stunde Radiosendung zu bestreiten kann manchmal viel schwieriger sein, als es drei Stunden wären. So ähnlich ging es uns bei unserer letzten Sendung am 19.10.: So viel Material, was lässt man da weg?

„So viel Material“, das sind im Wortsinn sagenhafte 5 Millionen Tonnen Abraum. Diese fallen derzeit in London an, wo ein sehr ehrgeiziges Bauprojekt durchgeführt wird*, nämlich eine Bahnverbindung von Reading im Westen bis Shenfield im Osten: Das Crossrail-Projekt, mittlerweile auch Elizabeth Line genannt. Das Besondere daran: Unter der Stadt London muss dafür ein neuer Tunnel gebohrt werden, und zwar bis zu 40 Meter tief. Zusätzlich entstehen fünf neue unterirdische Bahnhöfe.

Ein historisches Gebäude musste der neuen Bahnlinie weichen: Hier stand das Astoria Theater.

Ein historisches Gebäude musste der neuen Bahnlinie weichen: Hier stand das London Astoria Theatre. Geklaut von carlbob auf Flickr. CC BY-SA 2.0

Nun ist es so, dass wir ja nicht nur auf den Schultern von Riesen stehen, sondern auch Häuser auf den Hinterlassenschaften unserer Vorfahren bauen. Das Stadtgebiet von London ist seit 2000 Jahren dauerhaft besiedelt – da fällt einiges an! Scherben, Gebäudereste, Münzen und vor allem jede Menge Knochen schlummern im Londoner Boden, der da derzeit aufgewühlt wird. Und da die ältesten Siedlungsreste aus der Römerzeit gerade mal in sechs Meter Tiefe liegen, kann man sich leicht ausrechnen, dass wir die gesamte Geschichte dieser Stadt durchqueren, wenn wir einen so tiefen Tunnel graben; zumindest die materiellen Zeugnisse dieser Geschichte. Was dabei so zum Vorschein kommt, ist rätselhaft, zum Teil überraschend, und in jedem Fall sehr spannend!

Sehr kurzer Abriss der Geschichte Londons von der Gründung bis zum Jahr 1485

Sehr kurzer Abriss der Geschichte Londons von der Gründung bis zum Jahr 1485. Eigene Zusammenstellung unter Zuhilfenahme von Wikipedia-Daten sowie der Grafik Boudica von Aldaron. CC BY-SA 2.0

London ist nämlich nicht nur sehr alt, sondern hat in all den Jahrhunderten auch viel erlebt: Eroberungen von Römern, Kelten, Angelsachsen, Dänen, anderen Angelsachsen und schließlich Normannen. Verheerende Brände, schlimme Epidemien infolge der hygienischen Verhältnisse, und als trauriger Höhepunkt zuletzt der Bombenhagel des zweiten Weltkriegs zerstörten unzählige Menschenleben.

Auf der anderen Seite war London schon sehr früh sehr modern. Vor allem ab dem 17. Jahrhundert wuchs die Einwohnerzahl der Stadt kräftig, nicht zuletzt wegen der Einwanderung von praktisch überall her – in Großbritannien und Irland, aber auch Festlandeuropa und Nordafrika machten sich viele junge Menschen auf den Weg, um in der Metropole ihr Glück zu suchen, und oft auch zu finden. Dieser Reiz hält bis heute an, die Stadt wächst weiter. Dass Menschen nicht nur essen und trinken müssen, sondern einige Stunden später der Natur etwas zurückgeben, hatte im Sommer 1858 einen Zustand zur Folge, der unter dem lustigen Namen „Großer Gestank“ in die Geschichte eingegangen ist und zur beschleunigten Installation einer gewaltigen Kanalisation führte, die bis heute in Betrieb ist. Und irgendwie müssen all diese Menschen natürlich von A nach B kommen. Bereits 1863 wurde die erste U-Bahn der Welt in London eröffnet**; und nun wurde es wohl als an der Zeit befunden, dass dieses Netz abermals erweitert werden soll.

Einige Eckdaten der Londoner Geschichte von 1485 bis 1800.

Einige Eckdaten der Londoner Geschichte von 1485 bis 1800. Zum großen Teil hier entnommen. Ganz recht, bis 1750 gab es nur eine einzige Brücke über die Themse.

Ob man den Bau jetzt gutheißt oder nicht, sei Gegenstand der Diskussion an geeigneteren Orten. Große Infrastrukturprojekte haben ja sehr selten nur Befürworter. Erfreulich ist jedenfalls die große Aufmerksamkeit, die die britische Archäologie in den letzten Jahren diesem Thema gewidmet hat, und dass ihr auch die entsprechenden Möglichkeiten eingeräumt wurden. Der Denkmalschutz bewahrte bis auf eines alle schützenswerten Gebäude entlang der Strecke vor dem Abriss. Für uns als interessierte Laien ist darüber hinaus erfreulich, mit welchen Enthusiasmus Erkenntnisse und Zwischenergebnisse populärwissenschaftlich aufbereitet werden. Hat der Engländer an sich mehr Bock auf Archäologie als Menschen auf dem Kontinent? Gibt es eine Archäologenlobby in Redaktionen und Rundfunkräten? Man weiß es nicht. Jedenfalls existieren neben sehr liebevoll gestalteten Websites sowohl des Projekts selbst*** als auch des Museum of London Archaeology bereits zwei sehr spannend gestaltete Dokumentationen von Channel 4, an deren Inhalt sich unsere Radiosendung stark orientiert hat: Einmal zu Funden aus dem 17. Jahrhundert, einmal zur Zeit der römischen Siedlung Londinium. Beide beschäftigen sich vor allem mit Funden aus dem Bereich der Liverpool Street Station. Das überrascht wenig, denn diese befindet sich in der City of London, dem ältesten, am längsten bewohnten Teil der Stadt.

Wir waren beide überrascht davon, wie ergiebig dieses Thema ist, und hatten Schwierigkeiten, auf einzelne Aspekte zu fokussieren. Was uns dabei als besonders spannend erschien, soll an dieser Stelle in der nächsten Zeit Stück für Stück dargestellt werden. Einige Stichworte: Römischer Frieden, keltische Aufstände, Gladiatorenkämpfe, die DNA von Pestbakterien, Einwanderung im 17. Jahrhundert, Prostitution, Mord und Totschlag. Also bleibt uns gewogen!

 

*und nach allem, was ich weiß, bislang sowohl zeitlich als auch hinsichtlich der Kosten im Plan liegt.

** damals noch mit Dampflokomotiven!

*** Das Crossrail-Projekt informiert natürlich nicht nur über archäologische Funde, sondern vor allem über die Baustelle und die geplante Strecke an sich. Man kann sich auch stundenlang über Tunnelbohrmaschinen informieren, wenn man das möchte. Das ist gar nicht mal uncool.

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2 Gedanken zu „Das Crossrail-Projekt (1): Ein Tunnel durch 2000 Jahre London

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