Würmer, Rücken, Schwermetalle: Eine 2000 Jahre alte Krankenakte wird geschlossen.

Mumien sind gar keine Seltenheit. Prinzipiell versteht man darunter erst einmal einen toten Körper, dessen Zerfall aus irgendwelchen Gründen stark verzögert ist. Das kann durch gezielte Maßnahmen herbeigeführt werden oder einfach aufgrund der Umweltbedingungen passieren. Wer wie ich eher ländlich aufgewachsen ist und seine Kindheit zu großen Teilen im Wald verbracht hat, wird mehr als einmal auf einen vertrockneten Frosch oder ähnliches gestoßen sein. Auch Mammuts im Permafrostboden oder wie gegerbtes Leder aussehende Moorleichen sind Beispiele für Mumifizierung, die sich einfach so ergibt.

Darüber hinaus haben Menschen aber bekanntlich auch seit vielen Jahrhunderten und in den verschiedensten Winkeln der Erde jede Menge Aufwand betrieben, um ihre Familienangehörigen, Könige, Priesterinnen oder sogar Haustiere, zumindest äußerlich, auch nach dem Tod noch zu erhalten. Die dafür angewendeten Methoden ähneln, etwas flapsig gesagt, durchaus dem, was man so treibt, um Lebensmittel haltbar zu machen – trocknen, einfrieren, salzen, sauer einlegen, unter Luftausschluss lagern. Am besten eine Kombination daraus. Dass die so präparierten Toten auch noch nach Jahrhunderten erkennbare Gesichtszüge tragen und verwertbare DNA beinhalten können, ist keine Neuigkeit.

Auch durch Backen kann man Mumien herstellen.

Auch durch Backen kann man Mumien herstellen. Halloween-Mumie von Christian Spannagel, CC BY-SA 2.0.

Manchmal gibt es dennoch Entdeckungen, die selbst erfahrene Forscher einfach nur verblüffen. 1971 in China wurde bei Bauarbeiten ein Grab entdeckt, das eine der am besten erhaltenen Mumien der Antike enthielt – Xin Zhui, die sogenannte Marquise* von Dai. Sie war in einem spektakulären unterirdischen Grab bestattet, das die Form einer umgekehrten Pyramide hatte. Auf diese Weise lag sie etwa 15 Meter unter der Erde. Dort war es hinreichend kühl; für Luft- und Feuchtigkeitsausschluss sorgten darüber hinaus eine Schicht aus mehreren Tonnen Holzkohle sowie eine Versiegelung aus verdichteten Tonmineralien, die etwa einen Meter dick war.

Neben der aufwendigen Anlage selbst wurden Xin Zhui allerhand Gegenstände mitgegeben. Das reicht von Alltagsgegenständen wie Geschirr über massenhaft verpackte Lebensmittel zu atemberaubenden Kunstgegenständen – kostbar bestickte Seide, kleine Dienerfiguren, wie wir sie auch aus Ägypten kennen, und großartig erhaltene philosophische Schriften.

Irgendwo dadrunter schlummerte also unsere Marquise, fest in Seide eingewickelt, im Inneren einer Matroschka-artigen Anordnung von Kastensärgen. Trotz all dieser Vorkehrungen ist bis heute nicht restlos geklärt, warum die Dame noch so gut aussieht. Wir wissen folgendes über sie: Ihr Leichnam lag ungefähr zur Hälfte in einer rätselhaften rötlich-braunen Brühe. Sie starb etwa 170 v. Chr. Zu diesem Zeitpunkt war sie um die 50 Jahre halt, 1,54 m groß, hatte kurz vorher Melonen verspeist und litt an einer Reihe chronischer Gebrechen.

Zugegeben, taufrisch ist etwas anderes. Für eine 2200-jährige aber beachtlich.

Zugegeben, taufrisch ist etwas anderes. Für eine 2200-jährige sieht sie doch aber noch beachtlich aus. Aufnahme von David Schroeter. CC BY-ND 2.0.

Moment, Melonen? Ganz recht. Im Gegensatz zur üblichen Prozedur bei zum Beispiel ägyptischen Mumien wurden Xin Zhui keine inneren Organe entfernt. Sie war noch vollkommen intakt, mit Haarteil und allem drum und dran, und bei ihrer Obduktion wurden neben dem Gehirn auch der komplette Verdauungsapparat samt Melonenkernen zutage gefördert sowie flüssiges, rotes Blut. An ihr konnte eine ganz „normale“ Autopsie vorgenommen werden, als wäre sie erst vor kurzem gestorben; mit dem Unterschied, dass sich ihre Gelenke teilweise noch bewegen ließen! Mir persönlich ist kein vergleichbarer Fall bekannt, bei dem solche Erkenntnisse gewonnen werden konnten: Ihre Todesursache war offenbar ein Herzinfarkt, der kurz nach einer sehr schmerzhaften Gallenkolik eingetreten sein muss. Mit ihrer Gesundheit war es ohnehin nicht so gut bestellt; ein Bandscheibenvorfall dürfte sie dazu gezwungen haben, am Stock zu gehen und ihre Arterien waren stark verkalkt.  Auch ihr rechter Arm war zu Lebzeiten mal gebrochen und schlecht verheilt; in der Lunge fanden sich Auswirkungen von Tuberkulose, und zu allem Überfluss beherbergte sie auch noch verschiedene Parasiten, wie zum Beispiel diese unsympathischen Pärchenegel,

Hoffentlich braucht sie die Krücke jetzt nicht mehr: Lady Dai trifft im Jenseits ein.

Hoffentlich braucht sie die Krücke jetzt nicht mehr: Xin Zhui trifft im Jenseits ein. Aus Wikimedia Commons von Flazaza, CC-BY-SA 4.0.

Dieser Umstand könnte ein Puzzlestein in der Erklärung dafür sein, warum der Leichnam so gut erhalten ist. Sowohl im Leichnam als auch in der Flüssigkeit im Sarg wurden hohe Quecksilberwerte nachgewiesen. Dies ist bekanntlich sehr giftig, und zwar nicht nur für uns sondern auch für so ziemlich alle anderen Besitzer von Zellen. Wenn sie uns nicht umbringen würden, wären Quecksilberverbindungen hervorragende Desinfektionsmittel. Tatsächlich aber hat zum Beispiel Zinnober** eine gewisse Tradition als „Heilmittel“; es ist nicht ausgeschlossen, dass es Wurmpatientinnen wie Xin Zhui als Medikament verabreicht wurde. Mit der Zeit könnte es sich in Leber, Niere und Darm angereichert und seinen Teil dazu beigetragen haben, dass die Verwesung schnell zum Erliegen kam. Könnte.

Es besteht nämlich nicht einmal Einigkeit darüber, wie die Flüssigkeit in den Sarg gelangte. Ist über die Jahrhunderte doch ein wenig Wasser in den Sarg gedrungen? Könnte sein. Es befand sich aber nur im innersten Sarg Wasser; die äußeren Hüllen waren komplett trocken. Hat man die Leiche darin gezielt „eingelegt“? Kann auch sein. Der Quecksilbergehalt selbst scheint aber tatsächlich eher aus dem Körper selbst zu kommen, denn in den Organen, in denen sich Schwermetalle typischerweise zu Lebzeiten anlagern, übersteigt die Konzentration die der Flüssigkeit um ein Vielfaches. Kann es sein, und hier werde ich ein wenig unappetitlich, dass die tote Fürstin sozusagen genässt hat und im eigenen Saft lag?

Das alles ist mehr oder weniger qualifizierte Spekulation. Xin Zhui können wir nicht mehr fragen. Sie lebte in der damaligen Hauptstadt Changan zur Zeit der Westlichen Han-Dynastie, einer kurzen Atempause des Friedens und Wohlstands im alten China, in dem sonst eigentlich kriegs- und eroberungsmäßig immer irgendwas los war. Trotz Krankheit und Schmerzen war ihr Alltag wohl vergleichsweise komfortabel. Wer sie besuchen möchte, muss sich ins Provinzmuseum von Hunan aufmachen, und wer mehr zum Thema wissen möchte, kann hier beginnen:

Website des Provinzmuseums von Hunan.

„The Last Feast of Lady Dai“ von Julie Rauer; beinhaltet viele Bilder von Grabbeigaben und interessante Informationen zum Alltagsleben der Adeligen.

Werning J. Mumien in China. In: Wieczorek A, Rosendahl W (Hrsg.): Mumien. Der Traum vom ewigen Leben. Publikationen der Reiss-Enhelhorn-Museen Bd. 24. Darmstadt: Philipp von Zabern; 2015. S. 141-153.

Dann gibt es noch eine interessante BBC-Dokumentation.

*Sie war Gattin eines Adligen namens Li Cang. Sein Titel lautete natürlich nicht Marquis (Markgraf), sondern ,, wird aber in westlicher Literatur als solcher übersetzt. Das trifft wahrscheinlich manchmal nicht so ganz, aber wenigstens müssen Gestalten wie ich auf diese Weise nicht ständig jedes Wort nachschlagen, wenn sie etwas über chinesische Geschichte lesen.

** Quecksilbersulfid, ein natürlich vorkommendes Mineral. Bekannt vor allem als leuchtend rotes Pigment.

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