Von Walrossen und Bischöfen

Walrosse sind toll. Sie können drei Meter lang, eine Tonne schwer und 40 Jahre alt werden. Außerdem lassen sie sich natürlich ihre berühmten Stoßzähne wachsen, einen halben Meter und länger. Genau das aber ist ihnen jahrhundertelang zum Verhängnis geworden: Als „Elfenbein des Nordens“ waren diese Zähne ein begehrtes Material für Kunstgegenstände, Waffen, und manchmal eben auch – Schachfiguren. Zum Beispiel die sogenannten Lewis Chessmen, über die wir in unserer letzten Sendung bei Radio Blau sprachen.

Dieses Walross ist nicht nur gut gekleidet und Hauptfigur eines berühmten Gedichtes, sondern hat zum Glück auch seine Stoßzähne noch.

Dieses Walross ist nicht nur gut gekleidet, sondern hat zum Glück auch seine Stoßzähne noch (seine größte Sorge ist der viele Sand. Aber das ist eine andere Geschichte).

Diese kleine Bande Schachfiguren wurde 1831 in einer sehr entlegenen Ecke Europas gefunden, nämlich an einem Strand der Insel Lewis and Harris, die zu den äußeren Hebriden gehört. Wie genau es zu diesem Fund kam, ist nicht mehr ganz klar. Die einen sagen, es sei absichtlich danach gegraben worden; laut einer anderen Geschichte habe ein Bauer namens Malcolm McLeod* die Figuren zufällig entdeckt, als eine seiner Kühe im Sand herumgebuddelt habe. Sicher ist jedenfalls, dass eine ansehnliche Sammlung Spielfiguren von da an in britischem Besitz war.

Das eigentümliche daran: Die Figuren sind schon ziemlich alt. Sie dürften aus dem 12. Jahrhundert stammen, denn da war (nördlich der Alpen) gerade Romanik und man sah als König ungefähr so aus:

Lewis chessmen 13 By Nachosan - Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=22837681

Ein romanischer Schachkönig. Im britischen Museum fotografiert von Nachosan, CC BY-SA 3.0,

Noch wichtiger für die Datierung ist allerdings das Aussehen der Läufer. Diese sind ja traditionell häufig, und so auch hier, als Bischöfe gestaltet. Ein Bischof, der etwas auf sich hält, trägt eine Mitra, und deren Gestalt hat sich im Laufe der Geschichte öfter mal geändert. Das Britische Museum, das gegenwärtig die meisten der Lewis-Chessmen besitzt, hat aufgrund dieses Details das Alter der Schachfiguren recht genau auf 1150-1200 festsetzen können, denn vereinfacht gesagt: Vor 1150 trug man die Mitra um 90° gedreht, und ab 1200 wurde sie deutlich spitzer.

 

Zurück zum Fund! Es handelt sich um eine Sammlung von 78 Spielsteinen. Darüber ist man sich weithin schonmal einig, denn die Damen und Herren Schachfiguren sind zwar detailreich, aber sehr kompakt gearbeitet. Es steht nichts weit vom Körper ab, Schwerter liegen eher auf den Knien als dass sie in der Hand gehalten werden, und die Köpfe gehen mehr oder weniger direkt in die Schultern über, ohne fragilen Hals dazwischen: Hinweis darauf, dass die kleinen Skulpturen nicht nur zur Zierde, sondern als Gebrauchsgegenstände gedacht waren.

Allerdings machen sie nicht den Eindruck, als wären sie lange zum Einsatz gekommen. Nichts ist abgebrochen oder abgegriffen, und immerhin zwei Figurensets sind sogar komplett. Was war also passiert? Hat hier eine Lieferung nicht ihren Bestimmungsort erreicht? Sind die Schachfiguren Schiffbrüchige, oder Opfer eines Raubüberfalls und im Anschluss vergrabene und dann vergessene Hehlerware? Oder war die Insel Lewis vielleicht früher ein Handelsposten?

Letztere Vermutung ist vielleicht gar nicht so abwegig. Während des Mittelalters gehörten die äußeren Hebriden für ein paar Generationen zum Königreich Norwegen.

Europa im 12. Jahrhundert. Pfeil: Da ungefähr wohnten die Chessmen.

Europa im 12. Jahrhundert. Pfeil: Da ungefähr wohnten die Chessmen.

Norwegen wiederum, genauer gesagt Trondheim, war zu dieser Zeit ein wichtiges Zentrum für Elfenbeinschnitzerei. Von dort aus wurden nicht nur die begehrten Walrosszähne exportiert, sondern auch deren Verarbeitung fand in Trondheim** statt. Ähnliche Schachfiguren wie die aus Lewis wurden neben Norwegen auch in Irland gefunden; man könnte sich also durchaus vorstellen, dass Trondheimer Schachfiguren eine Zeitlang zu den Dingen gehörten, die an die unterschiedlichsten Küstenorte verschifft wurden; mit Zwischenstopp auf den äußeren Hebriden.

Die kleinen Bischöfe sind es allerdings mal wieder, die einzelne daran zweifeln lassen, ob die norwegische Herkunft denn so stimmen kann. Der Läufer heißt auf Englisch bishop, auf Norwegisch allerdings løper. Warum, so die Frage, sollte man einen Spielstein als Bischof gestalten, wenn man ihn gar nicht so nennt? Auch der Stil der Schnitzerin und die Gestalt der Pferde, auf denen einige Figuren sitzen, würde eher auf Island hinweisen, so ein Debattenbeitrag von Gudmundur G. Thórarinsson, der als Urheberin auch direkt eine legendäre Künstlerin vorschlägt, nämlich Margrét hin Haga. Die Islandthese scheint derzeit unter Historikern nicht besonders viel Widerhall zu finden; allerdings entbrannte eine Zeitlang eine Art erboster Kleinkrieg zwischen Schachbegeisterten aus Island und Norwegen, die die Chessmen jeweils für sich beanspruchten. Naja.

Es geht sogar noch weiter: Die Figuren seien gar nicht für Schach gedacht gewesen, sondern für Hnefatafl, ein altes nordeuropäisches Strategiespiel. Das passt vielleicht in die Zeit, und sicher hätte man mit den Figuren auch irgend etwas anderes spielen können – ein Schachbrett war bei dem Fund immerhin nicht dabei. Das Ding ist nur: Für Hnefatafl benötigt man im wesentlichen zwei, vielleicht drei verschiedene Figurensorten: Die eine Mannschaft spielt mit einem König und seinen Verteidigern, die andere Seite mit Angreifern. Sonst nichts. Man braucht keine Damen, keine Türme, keine Bischöfe und keine Springer; alles Dinge, die sich bei den Lewis Chessmen eindeutig unterscheiden lassen. Eine plausible Erklärung dafür, weshalb man Spielsteine, die dieselbe Funktion ausüben, so unterschiedlich gestalten sollte, ist mir persönlich bislang nicht begegnet.

Bleibt mir nur zu sagen: Egal, wo die Steine herkamen, wo sie hinsollten und für welches Spiel sie gedacht waren: Sie sehen lustig aus; es ist toll, wie gut sie erhalten sind, und dennoch bin ich froh, dass heutzutage für so etwas keine Walrosszähne mehr verwendet werden.

 

* immerhin ein plausibler Name für einen schottischen Bauern

** das damals noch Niðaróss hieß.

zur Bischofsmitra weiß die katholische Enzyklopädie von 1913 mehr.

Zur isländischen Herkunft: Thorarinsson GG: The enigma of the Lewis Chessmen. Leturprint, Reyjkavik 2010.

Ein paar Bemerkungen zur Verwendungs- und Herkunftsdebatte sind hier zusammengefasst.

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