Krieg gehört ins Museum (2/2): Die Schlacht bei Lützen

Auf die Frage, in welcher Zeit sie am liebsten leben würden, nennen die meisten Deutschen angeblich die 1980er Jahre. Gut, in der betreffenden Umfrage war die Auswahl auf das 20. Jahrhundert beschränkt; wäre dies freier gestaltet gewesen, hätten sich vielleicht auch manche für Sturm & Drang, altes Rom oder die Zukunft interessiert. Wer allerdings halbwegs gleichzeitig laufen und sprechen kann, würde sich (zumindest in Mitteleuropa) wahrscheinlich niemals in die Zeit versetzen lassen wollen, von der wir heute sprechen, nämlich die Jahre von 1618 bis 1648. Was war passiert? Am 23. Mai 1618 schubste man Jaroslav Borsita von Martinic, Wilhelm Slavata und Philipp Fabricius aus einem Fenster. Das war in Prag, wo so etwas weder zum ersten noch zum letzten Mal passieren sollte. Die drei Namen werden kaum noch jemandem etwas sagen, aber im Anschluss an dieses Ereignis, kann man sagen, the shit hit the fan – drei Jahrzehnte Elend und Verwüstung sollten anbrechen. Eine Massenschlacht, die ganze Städte entvölkerte und einen Großteil der Generation als Söldner durch die Lande irren ließ – der Dreißigjährige Krieg.

Die unsterbliche Therese Giehse 1966 als Mutter Courage in Bertolt Brechts gleichnamigem Stück.

Die unsterbliche Therese Giehse, 1966 porträtiert als Mutter Courage in Bertolt Brechts gleichnamigem Stück. Von Günter Rittner, CC BY 3.0, über Wikimedia Commons

Im  Verlauf dieser drei Jahrzehnte gab es immer mal wieder Friedensschlüsse und wechselnde Bündnisse; im großen und ganzen fochten die Protestanten gegen die kaiserliche Liga. Von all den Schlachten und Scharmützeln, Eroberungen und Belagerungen wurde nun ein Ereignis in der bereits mehrfach erwähnten Sonderausstellung in Halle näher beleuchtet: Die Schlacht bei Lützen.

Wir schreiben das Jahr 1632. Seit zwei Jahren ist Schweden am Krieg beteiligt und befindet sich in einer Union mit Mecklenburg, Pommern, Sachsen und Brandenburg. Die fast vollständige Vernichtung Magdeburgs im vorhergehenden Jahr war ein schrecklicher Schlag für die Protestanten, im Anschluss daran konnten sie aber einige Eroberungen machen. Vor allem durch den Sieg bei Breitenfeld 1631 hatte der schwedische König Gustav II. Adolf schnell eine gewisse Fangemeinde; man nannte ihn den „Löwen aus Mitternacht“, der aus dem hohen Norden gekommen sei, um die Protestanten zu retten. Seine Beliebtheit hat bis heute Spuren hinterlassen, auch wenn es ihm sicher genauso wie der anderen Seite zuallererst einmal um Erhalt und Ausbau seiner Macht gegangen sein dürfte.

In der Nähe von Lützen nun, 35 km von Halle, begegneten sich am 16. November 1632* zwei gewaltige Heere: der schwedische König mit 19.000 Soldaten auf der einen Seite, auf der anderen der kaiserliche Befehlshaber Wallenstein mit 12.000 Mann. Wir wissen heute recht viel über den Hergang der Schlacht; vor allem aus dem sogenannten Theatrum Europaeum, einer umfangreichen Chronik von Matthäus Merian. Dieses zeitgenössische Geschichtswerk ist vor allem deshalb so interessant, weil darin zahlreiche Kupferstiche die Berichterstattung begleiten; neben den Protagonisten des Dreißigjährigen Krieges werden zum Beispiel auch Truppenaufstellung und Kartenmaterial abgebildet. Darüber hinaus existieren Verwundetenlisten und Briefwechsel auf beiden Seiten.

Und so in etwa muss es sich abgespielt haben: Am frühen Morgen des 16.11. marschierten die Schweden nach Lützen; gegen 10 Uhr begannen die kaiserlichen Truppen mit dem Kanonenbeschuss. Den Schweden gelang es allerdings bald, vor allem dank ihrer schweren Kavallerie, einige dieser Kanonen an sich zu bringen und das Blatt schien sich zu ihren Gunsten zu wenden. Gegen Mittag allerdings traf dann General von Pappenheim mit seinen Reitern ein, um die kaiserliche Liga zu unterstützen. Damals waren Befehlshaber noch anders drauf; sowohl der Schwedenkönig Gustav Adolf als auch Pappenheim führten ihre Kavallerie höchstpersönlich an – und wurden auch beide vom Gegner tödlich verletzt. Dies schadete der Moral der Truppen natürlich ganz gewaltig; das Schlachtfeld wurde immer unübersichtlicher, Artillerie wurde hin- und hergeklaut, und mit Einbruch der Dunkelheit befahl Wallenstein dann den Rückzug der kaiserlichen Truppen. Irgendwann abends kam dann auch noch Pappenheims Infanterie angezuckelt, aber die kamen dann halt nur noch rechtzeitig zum Feierabend.

Bezüglich Gustav Adolf hat der Autor des Theatrum Europaeum eindeutig Position bezogen.

Bezüglich Gustav Adolf hat der Autor des Theatrum Europaeum eindeutig Position bezogen. Frankfurt am Main, 1633 © Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, CC BY-SA 3.0

Glück für sie, kann man sagen. Neben Gustav Adolf und Pappenheim starben an diesem Tag etwa 6000 Soldaten, viele davon einfaches Fußvolk, und zwar auf denkbar grausame Art. Neben schweren Geschützen wie Kanonen und Mörsern kamen in Lützen vor allem Luntenschlossmusketen zum Einsatz, außerdem Karabiner, Radschlosspistolen und ganz altmodisch Piken.

In Zusammenarbeit mit den Archäologen des Landesmuseums in Halle wurden beim LKA München ballistische Experimente unternommen, indem mit originalen oder nachgebauten Schusswaffen des 17. Jahrhunderts aus verschiedenen Abständen auf Gelatineblöcke und Bleche geschossen wurde, die sozusagen stellvertretend für den menschlichen Körper und Rüstungsteile stehen sollten. Eindrucksvolle Ergebnisse davon: Eine Bleikugel, die aus einer Luntenschlossmuskete abgeschossen wird, durchschlägt auf 40 Meter Entfernung noch ein 2 mm-Stahlblech. Und wenn man sich die misshandelten Gelatineblöcke ansieht, kann man feststellen, dass die Austrittswunde noch übler aussieht als die Eintrittswunde; das Gewebe wird dermaßen zerfetzt, dass auch die Überlebenden einer solchen Verletzung sich mit ziemlicher Sicherheit auf bösartige Infektionen freuen durften. Ergebnisse davon: Gliederamputation und fortan ein Dasein als Bettler, denn so etwas wie Versehrtenpensionen war noch lange nicht erfunden.

Das folgende Video zeigt eine Luntenschlossmuskete im Einsatz; wirkt sehr umständlich, war aber grausam effektiv.

Und wofür das alles? Wie so oft in der Politik erklärten sich irgendwie beide Seiten zu Siegern und der Dreißigjährige Krieg dauerte bekanntlich noch weitere 16 Jahre an. Nachdem die Heere abgezogen waren, blieben die Bauern der Umgebung mit einem Anblick des Grauens zurück. 3 km² Schlachtfeld, das hieß Blut, Leichen, tote Pferde, leidende Schwerverletzte, haufenweise verschossene Munition (man fand hier, fast 400 Jahre später, mit Metalldetektoren auf einem Drittel der angenommenen Fläche noch 3000 Bleikugeln), kaputte Rüstungsteile. Während die Gefallenen von Adel in ihre Heimat verbracht und dort angemessen betrauert wurden, interessierte sich für den einfachen Söldner kein Schwein. Angesichts des elenden Lebens, das damals geherrscht haben muss, und der Vielzahl der Toten kann man es den Lützenern eigentlich auch nicht verübeln, dass sie am Ende einfach von den Leichen alles plünderten, was noch zu gebrauchen war, und die ehemaligen Besitzer dann relativ hastig in Massengräbern verscharrten.

Eines dieser Massengräber nun wurde von den Forscherinnen des Landesmuseums für Vorgeschichte in Gänze ausgehoben, im wahrsten Sinne des Wortes auf Mark und Bein untersucht und anschließend als Ausstellungsstück präpariert. Wer derzeit das Museum betritt und die Sonderausstellung besucht, erblickt als allererstes dieses Grab – ein vertikal aufgestelltes Stück Erdreich, in dem 47 Skelette miteinander verknotet sind. Da schluckt der Besucher erst einmal, und ich kann mir durchaus vorstellen, dass das für zarte Gemüter nichts ist. Immerhin aber konnte an diesen Skeletten das ganze Equipment der modernen Analysetechnik zum Einsatz kommen, sodass wenigstens, stellvertretend für die unzähligen Vergessenen, diese 47 toten Menschen ein wenig Lebensgeschichte erzählen konnten. Man kann das sinnvoll finden oder nicht – ich halte es, wie schon früher betont, für eine sehr sinnvolle Ergänzung der Geschichtsschreibung, wenn über Kriege auch aus Sicht derjenigen berichtet wird, die ganz am unteren Ende der Nahrungskette stehen, denn diese bilden immerhin die leidende Mehrheit.

Was für Erkenntnisse lassen sich also anhand eines solchen Knochenberges gewinnen? Zunächst einmal waren die meisten Toten noch keine 30 Jahre alt. Die meisten hatten in der Kindheit Mangel oder Krankheiten erlitten. Das kann man zum Beispiel an porösen Knochen in der Augenhöhle erkennen, was auf lange andauernde Entzündungen hindeuten kann, oder an einer Art Streifenmuster an den Zähnen. Viele wiesen Symptome von Syphilis oder Skorbut auf, außerdem Verschleiß an der Wirbelsäule und den Knien infolge körperlicher Überlastung. Auch abgebrochene Schneidezähne hatten viele, was darauf hindeuten kann, dass diese als eine Art Werkzeug benutzt wurden. Alle Skelette lagen kreuz und quer durcheinander, als wären sie sehr hastig verscharrt worden. Wertgegenstände waren überhaupt nicht mehr vorhanden, was sicher nicht überrascht – in harten Zeiten wie diesen wurde natürlich geplündert, was noch halbwegs zu gebrauchen war. Einigen steckten noch Projektile im Schädel, womit wir auch die wahrscheinliche Todesursache identifiziert hätten. Die wenigsten schienen interessanterweise in Skandinavien aufgewachsen zu sein, vielmehr rekrutierten sie sich aus dem gesamten mitteleuropäischen Raum. Söldner halt.

Es ist schon ausgesprochen grotesk, wenn man einen direkten Vergleich zieht: Auf der einen Seite haben wir Dutzende Skelette, deren Namen wir nicht einmal kennen. Auf der anderen Seite haben wir die perfekt erhaltene Reitjacke von Gustav II. Adolf. Wir können das Pferd von Wallenstein betrachten, seine Stiefel, seinen Sattel, seinen transportablen Kohleofen. Lauter Dinge, die die meisten Menschen gar nicht hatten. Das Risiko, seinen Tod auf dem Schlachtfeld zu finden, war für einen einfachen Fußsoldaten nicht einmal so groß, wie schon vorher an Mangel, Erschöpfung oder Infektionen zugrunde zu gehen. Leben wie Sterben waren einfach nur Elend.

Wer da noch glaubt, Schlachtfeldarchäologie würde den Krieg verherrlichen…. dem kann ich einfach nicht mehr folgen.

Zum Dreißigjährigen Krieg gibt es allerhand weltbekannte Literatur, zum Beispiel von Ricarda Huch, von Friedrich Schiller, oder natürlich Mutter Courage von Brecht. Ansonsten wurden ja bereits Einstiege in Schlachtfeldarchäologie allgemein oder die aktuelle Sonderausstellung im besonderen genannt.

Unser nächstes Thema wird definitiv wieder fröhlicher!

 

* nach gregorianischem Kalender. Der hatte sich damals vor allem in den protestantischen Gebieten noch nicht durchgesetzt, weshalb man in Schweden bis heute vom 6. November spricht. Und damit ist auch unsere Gewinnspielfrage beantwortet – da wir mittlerweile aber eine Gewinnerin haben, kann der Artikel auch veröffentlicht werden!

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