Krieg gehört ins Museum! (1/2: Die Anfänge)

Wir waren mal wieder im Museum! Und zwar im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle, in einer Sonderausstellung zum Thema „KRIEG – Eine archäologische Spurensuche“. Erst war ich nicht ganz sicher, ob ich da eigentlich hingehen will. Wer derzeit das Radio einschaltet, kann ja schnell zu dem Schluss kommen, dass es überhaupt nur noch Krieg und Terror auf der Welt gibt. Wir haben uns dann trotzdem aufgerafft und sind im Nachhinein froh darüber.

Bilder gibt's in Halle nur gegen Bares.

Bilder gibt’s in Halle nur gegen Bares.

Zur Ausstellung

Die Sonderausstellung nimmt die gesamte untere Etage ein und ist grob in zwei Teile untergliedert: Das riesige Ausgrabungsprojekt „Schlacht bei Lützen“, über das wir in unserer nächsten Sendung und natürlich auch hier im Blog sprechen wollen, und sozusagen dahinter Krieg in prähistorischen Zeiten. Die Besucherin muss also durch den Dreißigjährigen Krieg hindurch, um in Stein- und Bronzezeit zu landen. Das kann man ja durchaus so machen; auf diese Weise ist das vielleicht spektakulärste Exponat (kommen wir in der nächsten Folge drauf zu sprechen) allerdings auch das allererste, was man überhaupt von der Ausstellung zu Gesicht bekommt.
Der allererste Eindruck: Es ist sehr, sehr viel. Die Ausstellung über Hallstatt in Chemnitz war gemütlich in zwei Stunden zu bewältigen, das ist hier vollkommen undenkbar. Schaut man sich alle Filmchen und Animationen an, die mit sehr viel Liebe gestaltet wurden – und die auch teilweise wirklich sehr hilfreich sind – ist man hier den ganzen Tag beschäftigt.
Daraus erwächst das Bedürfnis nach Gedächtnisstütze. Wir waren ja nicht zum Spaß da, sondern wollten hinterher noch was zu berichten haben. Ich mache bei solchen Gelegenheiten gerne mal ein Foto. Kein gestochen scharfes Bild, das ich hinterher noch verkaufen könnte wohlgemerkt, sondern einfach ein Bild von Exponat plus zugehöriger Beschreibung, damit ich das abends zuhause noch einordnen kann. Das habe ich in Chemnitz schon so gemacht. Und auf der Museumsinsel in Berlin. Im Winterpalast in St. Petersburg. Im Pariser Louvre. In den Uffizien von Florenz. In den Vatikanischen Museen. In Halle allerdings ist so etwas rundheraus verboten, mit der überhaupt nicht verhohlenen Begründung, man solle hinterher Bildmaterial im Museumsshop kaufen.
Nagut, Halle. Diese Ansage ist irgendwie nicht sympathisch, aber die Archäologen können da natürlich nichts für. Also weiter im Text, der sich auf ganz altmodische handschriftliche Notizen stützt.

Von Wolfgang Sauber - Eigenes Werk, CC-BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=45148360

Eine Prunkaxt der Schnurkeramikkultur, zu sehen im Naturhistorischen Museum in Wien (wo man fotografieren darf). Von Wolfgang SauberEigenes Werk, CC-BY-SA 4.0

Wir beginnen also bei den vermuteten Ursprüngen des Krieges in der Steinzeit – eigentlich sogar schon bei den Menschenaffen! – und arbeiten uns langsam vor bis hin zu den ersten schriftlichen Überlieferungen, die auf Krieg hindeuten. Während die Ausstellungsstücke in den ältesten Epochen noch hauptsächlich aus Knochen und steinernen Waffenresten bestehen, präsentiert sich die Bronzezeit schon vielfältiger: Mit Rüstungsgegenständen, Stelen, Ritualwaffen und reichen Grabbeigaben. Alles in allem ist der frühgeschichtliche Teil der Sonderausstellung aus meiner Sicht nicht ganz so fesselnd wie derjenige über die Schlacht bei Lützen. Die Schwierigkeiten liegen auf der Hand: Es handelt sich um lauter isolierte Einzelereignisse, die tausende von Jahren und Kilometern auseinander liegen und darüber hinaus nicht besonders viel hinterlassen haben. Umso erstaunlicher ist es jedes Mal wieder, welche Informationen aus einem eingeschlagenen Schädel, einer Pfeilspitze im Rücken, einem Mauerrest irgendwo in Spanien gewonnen werden können. Computeranimationen und 3D-Drucker haben dazu beigetragen, wissenschaftliche Erkenntnisse so anschaulich wie nur möglich zu machen. Trotzdem empfiehlt es sich aus meiner Sicht, beide Ausstellungsteile nicht direkt hintereinander zu besuchen. Dazu ist es einfach viel zu viel, und gerade für die Steinzeit lohnt es sich, noch ein wenig Aufmerksamkeit und Phantasie übrig zu behalten.

 

Wie ging das denn jetzt los mit dem Krieg?

Jane Goodall berichtete schon vor Jahrzehnten, dass Schimpansen Grenzpatrouillen durchführen und benachbarte Gruppen überfallen, um deren Revier regelrecht zu erobern. Auch im Museum kann man ein kurzes Video ansehen, das die Menschenaffen bei solchen Aktionen in Uganda zeigt. Das ist erst einmal eine sehr ernüchternde Einsicht und legt nahe, dass es Krieg schon immer gegeben haben könnte.

Tatsächlich aber gibt es für die längste Zeit, in der Menschen existieren, keine Belege für ein organisiertes tödliches Vorgehen gegeneinander! Zwar ist der älteste bekannte Mensch, der gewaltsam zu Tode gekommen ist, ein über 400.000 Jahre alter Homo heidelbergensis aus Spanien, aber dabei dürfte es sich eher um einen individuellen Konflikt gehandelt haben; er liegt in einem Massengrab mit mehreren Dutzend anderer Skelette, von denen kein anderes Gewalteinwirkung aufweist.

Die Hallenser Forscher sind mit vielen anderen der Meinung, dass Kriege im Sinne erheblicher organisierter Gewalt von Gruppen gegeneinander vermutlich erst in der Jungsteinzeit aufgetreten sind. Mit der sogenannten Neolithisierung wurden aus Jägern und Sammlern Viehzüchter und Bauern – sie wurden also sesshaft. Wer sich von einem abgegrenzten Stück Land ernährt, so die Vorstellung, ist auf dieses existenziell angewiesen und muss es im Zweifelsfall verteidigen; zum Beispiel, wenn Dürre, Überschwemmung oder andere Ereignisse für Knappheit sorgen. Wer hingegen auf dünn besiedeltem Land in kleinen Gruppen durch die Gegend zieht und davon lebt, was im Wald so kreucht und fleucht, umzieht andere Clans im Zweifelsfall vielleicht lieber großräumig, anstatt sich Scharmützel zu liefern. Die Kosten/Nutzen-Abwägung fällt quasi erst dann günstig aus, wenn man richtig was zu verlieren hat. Außerdem wurde die Gesellschaft mit den ersten Siedlungen komplexer.

Beweisen lässt sich diese These natürlich nicht. Vielleicht gibt es irgendwann einmal spektakuläre Funde von Verteidigungsanlagen oder Massengräbern mit ermordeten Menschen, die wesentlich älter sind. Solange dies aber nicht der Fall ist, kann man erstmal davon ausgehen, dass sich Krieg in der Altsteinzeit einfach nicht gelohnt hat. Zudem kommt die Schwierigkeit, dass die ältesten bekannten Waffen, nämlich Speere und Lanzen, Pfeil und Bogen, der Jagd dienten. Natürlich lassen solche Waffen sich auch gegen Menschen richten, aber Waffen, die explizit zu diesem Zweck hergestellt wurden, sind ebenfalls erst seit der Jungsteinzeit nachweisbar. Immerhin entstanden bereits vor rund 6000 Jahren die ersten Befestigungsanlagen in Europa, beispielsweise die Ringwallanlage vom Kapellenberg im Taunus.

Irgendwann im Übergang zur Bronzezeit dann entstand also auch ein neuer „Beruf“, nämlich der des Kriegers. In der Schnurkeramikkultur (vor 4800 – 4200 Jahren) finden sich Bestattungen von Männern, die zahlreiche Verletzungen aufweisen und denen Streitäxte sowie manchmal hochwertiger Schmuck beigegeben wurde (zu dieser Zeit gab es in Ägypten übrigens bereits Streitwagen). Spätestens in der Bronzezeit war die Aufrüstung dann in vollem Gange. Erste Staaten entstanden; Schwerter und beschlagene Rüstungen wurden ebenso entwickelt wie beeindruckende Festungsanlagen. Um Krieg und Krieger herum entstanden regelrechte Kulte, wovon Ritualwaffen, Kunstgegenstände und nicht zuletzt auch Schrifttum zeugen: Außerordentlich gut dokumentiert ist die berühmte Schlacht bei Megiddo, die 1457 v. Chr. stattfand und bei der sage und schreibe 330 Stadtstaaten gegen Ägypten zu Felde zogen (und scheiterten).

Ein kleiner Lichtblick am Ende: 1259 v. Chr. wurde immerhin auch der erste Friedensvertrag der Welt geschlossen, im Nachgang der ägyptisch-hethitischen Schlacht bei Qadeš. Er ist sowohl in Keilschrift als auch in Hieroglyphen erhalten und beinhaltet Details wie zum Beispiel den Austausch von Kriegsgefangenen und ein zukünftiges Verteidigungsbündnis.

Von Gudrun Meyer aus der deutschsprachigen Wikipedia, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5772524

Die Hieroglyphenversion des ältesten bekannten Friedensvertrages am Karnaktempel unweit von Luxor. Von Gudrun Meyer aus der deutschsprachigen Wikipedia, CC BY-SA 3.0

Was zieht man für ein Fazit aus so einem Ritt durch die Kriegsgeschichte? Es ist alles irgendwie gar nicht neu, aber auch nicht vom Himmel gefallen. Wer als allererstes die marodierenden Schimpansenhorden sieht, kommt schnell auf die Idee, das Landesmuseum wolle uns weismachen, dass Krieg etwas natürliches ist, wogegen man nichts machen kann. Der Fortgang der Ausstellung relativiert das zum Glück ein wenig – Krieg und Frieden stecken uns anscheinend gleichermaßen in den Knochen (ha, ha); es ist also an uns, was wir draus machen.

Um eine Zeit, die man eher als Tiefpunkt in der Geschichte cooler Ideen bezeichnen könnte, geht es dann in unserer zweiten Sendung zum Thema Krieg: Die Schlacht bei Lützen, am 6. April um 20:00 bei Radio Blau!

 

Für alle, die gern mehr wissen wollen:

Zum Thema Schlachtfeldarchäologie habe ich letztes Mal schon zwei Publikationen empfohlen, die wirklich sehr interessant sind.

Zur Sonderausstellung selbst gibt es zum Beispiel dieses Interview mit dem Museumsdirektor Harald Meller. Auch das Begleitheft zur Ausstellung ist interessant: H. Meller, M. Schefzik (Hrsg.): Krieg – eine archäologische Spurensuche. Halle (Saale) 2015.

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2 Gedanken zu „Krieg gehört ins Museum! (1/2: Die Anfänge)

  1. Holger

    Wie immer ein Text, der mich zu der Bemerkung veranlasst: Bitte mehr davon! Nur zu verständlich, dass der Autorin beim Thema „Krieg“ der sonst gewohnte Ton, der nicht nur spröde informiert, sondern auch geistreich humorvoll kommentiert, abhanden kommt. Ich freue mich auf die nächste Sendung.

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  2. Pingback: Krieg gehört ins Museum (2/2): Die Schlacht bei Lützen | Skulptur kaputt

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