Schlachten – weder schön noch selten.

Na, wie viele berühmte Schlachten könnt ihr aus dem Hut aufzählen? Selbst mir, meines Zeichens keine gute Schülerin in Geschichte, fallen nach etwas Bedenkzeit doch eine ganze Reihe ein: Die Schlacht von Hastings, bei der ein normannischer Eroberer namens William die Angelsachsen schlug. Die Schlacht von Verdun, die exemplarisch für die Sinnlosigkeit und das Grauen des Ersten Weltkriegs steht. Die sogenannte Varus-Schlacht, die nach aktuellem Stand der Forschung wohl doch nicht so bedeutend war, wie Hermannsdenkmäler und Legenden uns weismachen wollen. Die Schlacht von Issos, von der die meisten einige Jahrzehnte nach dem Schulabschluss wohl nur noch wissen, dass sie im Jahr 333 v. Chr. stattgefunden hat und irgendetwas mit Alexander dem Großen zu tun hatte.

Nicht ganz fotorealistische Darstellung der Schlacht von Hastings auf dem berühmten Teppich von Bayeux.

Nicht ganz fotorealistische Darstellung der Schlacht von Hastings auf dem berühmten Teppich von Bayeux.

Das soll erstmal reichen, eine Liste berühmter Schlachten existiert natürlich längst in der Wikipedia und muss hier nicht wiederholt werden – jedenfalls waren große Schlachten richtungsweisende Ereignisse, sie haben den Ausgang von Kriegen entschieden oder zumindest beeinflusst und dienen im geschichtlichen Allgemeinwissen gerne als eine Art Fixpunkte, um die herum sich die ganze Epoche im Kopf ordnen lässt. Höchstwahrscheinlich sind sie also auch schon immer beliebtes Ziel archäologischer Forschung gewesen, oder? Denkste!

Tatsächlich werden Schlachtfelder noch nicht besonders lange systematisch erforscht. Sie unterscheiden sich von anderen archäologischen Interessensgegenständen vor allem dadurch, dass eine Schlacht traditionell nicht lange andauert, aber das zugehörige Feld sich über eine große Fläche ausdehnen kann. Die Funde, mit denen man rechnen kann, sind anders als beispielsweise diejenigen, die eine prähistorische Siedlung zurücklässt. Sie sind oft oberflächennah und bestehen hauptsächlich aus Resten von Ausrüstung, provisorischen Befestigungen, Bestattungen und natürlich Projektilen.

Das klingt erstmal nicht unbedingt spektakulär, hilft aber enorm dabei, den Verlauf einer Schlacht zu rekonstruieren. Überlieferte Berichte werden so ergänzt oder sogar richtiggestellt. Wo die Landschaft eher flach ist, bleiben zum Beispiel verschossene Bleikugeln in der Regel auch noch viele Jahre in etwa an ihrem Ursprungsort liegen. Das heißt, wenn wir ein solches altes Schlachtfeld mit einer Metallsonde abgehen und die entsprechenden Fundorte von Bleikugeln sorgfältig kartieren, gibt uns das schon einen ganz guten Überblick darüber, was sich hier abgespielt hat und wo sozusagen das Zentrum des Geschehens war. Und das ist natürlich nur der Anfang! Ballistikexperten betrachten die Verformung von Bleikugeln und können Auskunft darüber geben, wo sie wahrscheinlich eingeschlagen sind. Die Knochen von Gefallenen verraten, wie alt der Mensch war, was vermutlich seine Todesursache war und vieles mehr – manchmal sogar, wo er vermutlich aufgewachsen ist. Numismatikerinnen, Prähistoriker und Rechtsmedizinerinnen flankieren die Ausgrabungen. Vielleicht ist die Schlachtfeldarchäologie auch deshalb erst in den letzten Jahrzehnten attraktiv geworden, weil den Wissenschaftlerinnen mittlerweile so viele moderne Methoden zur Verfügung stehen, mit denen sie auch erstaunlich unscheinbaren Funden erstaunlich viele Informationen entlocken können.

Als erstes großes Projekt in diesem Bereich wird oft die Untersuchung der Schlacht am Little Bighorn genannt, wo die US-Armee von Kriegern der Cheyenne, Lakota, Dakota und Arapaho 1876 regelrecht auseinandergenommen wurde. In den 1980er Jahren begannen dort ausgedehnte Untersuchungen mit Metallsonden.

Ein spektakuläres europäisches Beispiel sind die Ausgrabungen bei Lützen, wo etwa ein Drittel des historischen Schlachtfelds aus dem Dreißigjährigen Krieg erfasst wurde. Neben Tausenden kleinerer Funde wie Projektilen, Granatsplittern und Knöpfen wurde hier unter anderem ein Massengrab von 47 getöteten Soldaten komplett ausgehoben und in Halle untersucht.

Während im deutschsprachigen Raum mit einigen vielversprechenden Projekten so ganz langsam die Begeisterung für dieses Thema erblüht, wurden anderswo schon längst eigene Institute mit dem Schwerpunkt Schlachtfelder eingerichtet.

Warum überhaupt Schlachtfelder erforschen? Werden Kriege nicht schon genug verherrlicht?

Tja – warum betreibt man überhaupt archäologische Grabungen? Weil schriftliche Quellen, wenn sie überhaupt existieren, lückenhaft sind. Gerade die Berichterstattung über Kriege und Eroberungen sind oft nicht neutral, und keine Quelle ist allwissend. Dass es sinnvoll ist, sich mit Geschichte überhaupt auseinander zu setzen, bezweifelt hoffentlich niemand, der bis hierher gelesen hat; und das schöne an Knochen ist, dass sie nicht lügen.

Wer (als Nichtfranzose) die Rede vom Sankt-Crispianus-Tag hört oder die Berichte der Sieger liest, kann vielleicht tatsächlich auf die Idee kommen, dass Krieg etwas ehrenvolles, spannendes, ruhmreiches ist und sich trotz aller „Kollateralschäden“* irgendwie lohnt. Für den Sieger halt. Das Ding ist nur: Die allermeisten verlieren. Egal wer gewinnt**. Wer im Dreißigjährigen Krieg nach einem zermürbenden Kampf zu denen gehört, die am Ende von den Bauern der Umgebung geplündert und in ein Massengrab geworfen werden – was hat derjenige davon, dass sein Feldherr den Sieg davongetragen hat? Zahlen wie „6000 tote Soldaten“ sind erschütternd, aber sie sind erst einmal nur eine abstrakte Information. Graben wir jedoch dieses Massengrab aus und werfen einen Blick auf all die anonymen Verlierer, dann können wir Jahrhunderte später zumindest Teile von ihrer Lebensgeschichte erzählen, und diese Geschichten sind niemals ruhmreich. Sie erzählen von Hunger, Krankheit, Parasiten, Verstümmelungen, Mangel und qualvollem Tod; die Schlachtfeldarchäologie gibt all den Millionen von Bauernopfern der Epochen wenigstens hier und da ein Gesicht, all den anonymen Menschen, die relativ chancenlos geboren wurden, früh starben und über die niemand Theaterstücke schreibt. Das ist eine andere Art von Fixpunkten, um sich in der Geschichte der Menschheit zu orientieren. Und garantiert kein geeignetes Mittel, um Krieg irgendwie positiv darzustellen. In diesem Sinne: Es macht keinen Spaß, aber ich halte es für wichtig.

Jetzt will ich mich wochenlang nur noch mit Schlachtfeldarchäologie beschäftigen.

Kein Problem! Wer gern ins Museum geht, der hat noch bis 22. Mai 2016 die Gelegenheit, eine Sonderausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle zu besuchen. Wir waren auch dort und sprechen über unsere Eindrücke und einige Hintergründe in den nächsten beiden Skulptur kaputt-Sendungen bei Radio Blau: Am Gründonnerstag, den 24. März um 21 Uhr sowie am Mittwoch, den 6. April um 20 Uhr.

Und wer am liebsten liest, kann hiermit anfangen:

Brock T, Homann A: Archäologie in Deutschland (Sonderheft 2011): Schlachtfeldarchäologie. Auf den Spuren des Krieges. Konrad Theiss Verlag

Meller H (Hrsg.): Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle, Band 2 (2009): Schlachtfeldarchäologie / Battlefield Archeology

 

* möglicherweise das allermieseste Wort, das je geprägt wurde

** und übrigens, wo wir schon bei miesen Wörtern sind, auch egal, ob das jetzt ein Krieg, ein „bewaffneter Konflikt“ oder ein „robuster Einsatz“ war.

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2 Gedanken zu „Schlachten – weder schön noch selten.

  1. Pingback: Krieg gehört ins Museum! (1/2: Die Anfänge) | Skulptur kaputt

  2. Pingback: Krieg gehört ins Museum (2/2): Die Schlacht bei Lützen | Skulptur kaputt

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