Verlorene Schätze (2): Ein Mann, ein Schiff, zwei Stricke.

In unserer letzten Sendung bei Radio Blau redeten wir über verlorene Schätze. Eine Geschichte, die uns besonders erzählenswert scheint, ist die von Captain William Kidd. Was macht ausgerechnet diesen Piraten so interessant – war er besonders grausam? Eigentlich nicht. Hat er ganz besonders viele Reichtümer angehäuft? Auch nicht. Hat er die Weltmeere ausgesprochen lange unsicher gemacht? Nö. Kidds Biographie ist vor allem ein Lehrstück über die Zeit, in der er gelebt hat; doch lest selbst!

William Kidd* wurde am 22. Januar 1645 in Schottland geboren – er wäre also dieser Tage 371 geworden. Herzlichen Glückwunsch! Ein langes Leben war ihm leider nicht beschert, dafür aber ein ereignisreiches. Schottland war damals noch ein eigenes Königreich, wurde allerdings seit ein paar Jahrzehnten vom englischen Monarchen mitregiert. Das 17. Jahrhundert war auf der Insel wie in Übersee übrigens politisch ausgesprochen spannend, aber dazu vielleicht ein anderes Mal.

Willam also war Schotte. In Nordamerika existierten zu diesem Zeitpunkt 13 englische Kolonien, und unzählige Europäer machten sich auf den Weg nach Westen, um ihr Glück in der sogenannten Neuen Welt zu suchen; so auch unser junger Protagonist. Er ließ sich in New York nieder und heiratete 1691 günstig – seine junge Frau war bereits zweimal verwitwet und, wie es heißt, vermögend. Die nächsten Jahre seines Lebens verbrachte William Kidd als erfolgreicher Geschäftsmann und Familienvater. Worin so ganz genau eigentlich sein Geschäft bestand, ist gar nicht so leicht zu rekonstruieren; auf See unterwegs war er anscheinend öfter.

"William Kidd" by James Thornhill - old painting. Licensed under Public Domain via Commons.

William Kidd“ von James Thornhill.  Licensed under Public Domain via Commons.

Eine dieser Reisen führte ihn jedenfalls nach England, wo ihm ein Kaperbrief aufgeschwatzt wurde – ein sehr pragmatisches Mittel, die Sicherung der Weltmeere zu privatisieren. Es waren reichlich Piraten unterwegs, die Handel- und Passagierschifffahrt gefährdeten, und da die Royal Navy dessen allein offenbar nicht Herr werden konnte, wurden diese Freibeuterlizenzen oder Kaperbriefe an Privatleute ausgegeben, die ihrerseits in ziemlich hochgerüstete Schiffe investierten und sich aufmachten, völlig legal Jagd auf Piraten zu machen. Und – da man mal wieder Ärger mit Frankreich hatte – auf französische Schiffe, die zu kapern ebenfalls ausdrücklich durch die englische Krone abgesegnet war. Ein beliebtes Prinzip, das sich in der englischen Sprache wiederfindet in der Redewendung „set a rogue to catch a rogue“.

William Kidd ließ sich darauf ein, erwarb eine Lizenz sowie ein Schiff (wofür er mehrere Investoren aus dem englischen Adel gewinnen musste), und stach 1696 mit etwa 150 Mann in See, ein richtiges mittelständisches Unternehmen also. Im Gegensatz zu vielen heutigen Unternehmen war es allerdings damals so, dass die Seeleute und Kanoniere keinen Anspruch auf eine feste Heuer hatten, sondern lediglich auf Beuteanteile. Dieses Arrangement sollte sich bald als konfliktträchtig herausstellen, denn leider gelang es Kidd monatelang nicht, auch nur ein einziges Schiff aufzubringen; und so gab es schlicht und einfach keine Beute zu verteilen. Hinzu kamen die seemannstypischen Zipperlein, die damals verbreitet waren, nämlich Skorbut und Durchfallerkrankungen infolge mangelnder Trinkwasserhygiene.

Die Laune war also möglicherweise an einem Tiefpunkt, als es im Oktober 1697 zu einem Streit zwischen Kidd und seinem Kanonier William Moore kam. Moore versuchte, Kidd dazu zu überreden, einen holländischen Frachter zu überfallen, der am Horizont aufgetaucht war. Das war aber eindeutig nicht durch den Kaperbrief abgesegnet, denn es handelte sich ja weder um ein Piratenschiff noch um Franzosen. Der Kapitän lehnte das also rundheraus ab; man beleidigte sich gegenseitig**, und am Ende flog Moore ein metallbeschlagener Eimer an den Kopf. Er erlitt ein Schädeltrauma und starb wenige Tage später. Ein nicht nur für Moore folgenschweres Ereignis, wie sich noch herausstellen sollte.

Vielleicht war es dieses Ereignis, das einen Wendepunkt markierte – wie bei fast allem, was mit Kidds Geschichte zusammenhängt, müssen wir uns hier auf schwer überprüfbare Zeugenaussagen und Gerüchte berufen. Jedenfalls war Moore tot, die Crew war pleite, man hatte Schulden beim englischen Adel und musste langsam mal Erfolge vorweisen. Dieser Erfolg nahte im Januar 1698 in Gestalt der armenischen Quedagh Merchant, die der Legende nach vor Goldschätzen und kostbaren Stoffen kurz vorm Bersten war. Es gelang, sie zu kapern, und endlich hatte die Mannschaft mal was zu feiern. Die Tatsache, dass er ein armenisches Schiff überfallen hatte, glaubte Kidd damit rechtfertigen zu können, dass sie unter französischem Schutz segelte. Eine weitere ungeschickte Entscheidung.

Ein Vierteljahr später begegnete Kidd kurz vor Madagaskar dann endlich mal einem echten Piraten, nämlich Robert Culliford. Er befahl seiner Crew anzugreifen, doch leider hatten die offenbar von ihrem Kapitän mittlerweile dermaßen die Nase voll, dass sie stattdessen fast geschlossen zu Culliford überliefen und William Kidd nichts weiter übrig blieb, als eine Art Nichtangriffspakt mit dem Piraten abzuschließen und danach mit seinem verbleibenden Dutzend Matrosen die Heimfahrt anzutreten. Seine Idee könnte gewesen sein, dass er mit der englischen Krone eine Art Deal machte; er würde mit den Kaperfahrten aufhören, der Regierung eine stattliche Summe aus dem Schatz der Quedagh Merchant zahlen und sich damit quasi freikaufen. Noch ein paar ruhige Jahrzehnte an der Seite seiner jungen Frau in New York, und das wärs gewesen.

Leider kam es aber nicht so. Er versenkte die Quedagh Merchant in der Karibik und machte sich auf den Heimweg. Dort allerdings wurde er in Haft genommen und nach London verbracht, wo ihm der Prozess gemacht wurde. Und zwar – wegen Mordes an William Moore. Piraterie war zwar im Prinzip auch strafbar, aber vielleicht wäre dieser Prozess zu kompliziert geworden, von wegen französischer Schutz der Quedagh Merchant etc. Auf Mord allerdings stand zweifelsfrei die Todesstrafe, und es gab Augenzeugen, die William Kidd schwer belasteten. Kidd soll versucht haben, einen Freispruch zu erwirken, indem er vom sagenhaften armenischen Schatz erzählte, den er irgendwo an einem unbekannten Ort vergraben haben wollte. Es nutzte alles nichts: Am 23. Mai 1701 wurde er gehängt. Ob er die Fracht des armenischen Schiffes tatsächlich in Sicherheit gebracht hat und wenn, wo, ist bis heute nicht geklärt, auch wenn es zahlreiche Theorien dazu gibt.

Der Fall sorgte für einiges an Aufregung, da Kidd ja auch Finanziers in Gestalt hochangesehener britischer Adliger hatte. Außerdem geht die Sage, sein Strick wäre beim ersten Mal gerissen, sodass er ein weiteres Mal gehängt werden musste. Ob das stimmt, weiß man nicht, aber es trägt bei zu dem seltsamen Bild eines brandgefährlichen Piraten, der er eigentlich laut Faktenlage gar nicht war.

Da hängt der Captain. Illustration aus „The Pirates Own Book“ von Charles Ellms, 1837

Alles in allem macht die Geschichte auf mich eher einen tragischen als einen heroischen Eindruck. Sie hat zu einer Ballade inspiriert, sowie zu mehreren Filmen, die allerdings nicht einmal versuchen, so zu tun, als würden sie Anspruch auf historische Genauigkeit erheben. Die Figur William Kidd taucht in Assassin’s Creed auf, in der Mangaserie One Piece, in Kurzgeschichten von Edgar Allan Poe und Mark Twain. Ich frage mich beständig, warum eigentlich.

Es gibt allerdings noch ein hochinteressantes Nachspiel! 2007 nämlich entdeckten Unterwasserarchäologen der Indiana University ein 300 Jahre altes Wrack vor Isla Catalina in der Dominikanischen Republik. Das Schiff liegt nur wenige Meter unter der Wasseroberfläche und ist recht gut erhalten. Die Forscher sind der Ansicht, dass es sich um die Quedagh Merchant handeln könnte. Schätze finden sich freilich nicht an Bord, aber Kanonen und Teile der Ausrüstung. Nun soll daraus eine Art Unterwassermuseum für Taucher werden.

* nicht zu verwechseln mit William Kyd oder gar Billy the Kid!

** Das stelle ich mir ein bisschen vor wie „Du kämpfst wie ein dummer Bauer“ – „Wie passend, du kämpfst wie eine Kuh“

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