Verlorene Schätze (1) – Johann Ohnekrone

Heieiei, wie die Weihnachtszeit uns immer in Beschlag nimmt! Und urplötzlich war der ganze Glühweinspuk schon wieder vorbei, 2016 kam mit Siebenmeilenstiefeln angeböllert und zack war unser erster Sendetermin des Jahres da; diesmal, am 13.01.16 um 20:00, beschäftigten wir uns bei Radio Blau mit dem Thema verlorene Schätze. Wir begannen also mal ein bisschen unseriös und stocherten im Nebel der sagenumwobenen verlorenen Dinge, die eben gerade noch nicht ausgegraben sind. Wenn es sie denn überhaupt jemals gegeben hat.

Einer dieser Legenden kann man durchaus einen seriösen Wahrheitsgehalt zutrauen, denn es handelt sich um das Vermögen des englischen Königs John Lackland, aka Johan Sanz-Terre, aka Johann Ohneland. Den hat es nun mit absoluter Sicherheit erstens gegeben, und zweitens sind die Handlungen und Reisebewegungen von europäischen Königen vergleichsweise gut dokumentiert; die Geschichte, um die es gleich gehen soll, ist also nicht völlig unplausibel.

Wer schon John Lackland heißt, kann eigentlich nur ein Pechvogel sein. Als achtes Kind des englischen Königs Henry II. mit Alienor von Aquitanien rechnete wohl niemand damit, dass er irgendwann mal eine größere Rolle spielen, geschweige denn König werden, würde. Er verbrachte seine Kindheit weitestgehend in der Obhut irgendwelcher Mönche, und es war zunächst auch nicht geplant, dass er – im Gegensatz zu seinen älteren Brüdern – Ländereien erben würde. Daher der Name.

Da hat er seine Krone noch! John jagt Hirsche in einer Handschrift aus dem 14. Jahrhundert

Da hat er seine Krone noch! John jagt Hirsche in einer Handschrift aus dem 14. Jahrhundert

Die Zeit, über die wir hier sprechen (so um 1200), ist unglaublich spannend und würde viele, viele Radiosendungen rechtfertigen. Wir wollen aber versuchen, uns auf den Schatz von König John zu beschränken und nur kurz auf die Dinge einzugehen, die hilfreich sind um zu verstehen, wie dieser Schatz verloren gehen konnte. Politisch rumort es ganz gewaltig in Europa; England und Frankreich führen wie immer Krieg, beschließen Frieden, führen wieder Krieg. Dem Adel in England geht es zunehmend auf den Geist, dass die normannischen Könige ihre Freiheiten immer mehr beschnitten – 1066 hat Wilhelm I. England erobert, und seitdem weht ein anderer Wind durch die vorher deutlich anders strukturierte, viel mehr lokal organisierte angelsächsische Gesellschaft. Außerdem ist König John viel zu viel zu Hause, während seine Vorgänger Richard Löwenherz und Henry II. im wesentlichen irgendwo Krieg geführt haben. Hinzu kommen Steuererhöhungen infolge einer leeren Staatskasse, militärische Misserfolge und der schlichte Umstand, dass John kein besonders geschickter Diplomat ist: Im Jahr 1215 sieht der König sich nach mehreren Aufständen und etwas, das ein Bürgerkrieg zu werden droht, gezwungen, die sogenannte Magna Carta zu unterzeichnen; eine Art Frühform einer Verfassung, die seine Barone ihm vorlegen.

Die Magna Carta war ein bemerkenswertes Schriftstück. Sie umfasste so unterschiedliche Punkte wie Reisefreiheit, eine Vereinheitlichung von Maßen und Gewichten, lange Abschnitte zum Lehnswesen und vor allem eine Definition von Prozessrecht, das die Möglichkeiten für staatliche Willkür deutlich einschränken sollte. Durchaus ein revolutionäres Werk*, nur leider hielt sich keiner daran. John holte sich Hilfe beim Papst Innozenz III., der die Vereinbarung lapidar für nichtig erklärte und ihren Verfechtern mit Exkommunikation drohte.

Die Magna Carta Libertatum. Die Kirche soll frei sein, ihr könnt heiraten wen ihr wollt, vor dem Recht sind alle gleich.... *gekreuztefingerhintermrücken*

Die Magna Carta Libertatum. Die Kirche soll frei sein, ihr könnt heiraten wen ihr wollt, vor dem Recht sind alle gleich…. *gekreuztefingerhintermrücken*

Wir nähern uns dem Schatz! Die englischen Barone wollten sich nicht länger übers Ohr hauen lassen und starteten etwas, was als „First Barons War“ in die Geschichtsschreibung eingehen sollte. Unterstützung gab’s – natürlich – aus Frankreich, und irgendwann wurde die Lage so brenzlig, dass John in Begleitung regierungstreuer Truppen von Schlacht zu Schlacht ziehen musste, zumal die Rebellen sich mit französischer Unterstützung von London aus angeschickt hatten, England regelrecht zu erobern. Von Norden her kam auch noch Alexander von Schottland eingefallen, es war ein Wirrwarr sondergleichen. Wir befinden uns jetzt im Oktober 1216 – der König zieht durch die Gegend und hat, so ist sicher, einiges an Reichtümern dabei. Angesichts der unsicheren Lage sammelt er seine kostbarsten Schätze aus Landsitzen, Klöstern und wo auch immer er sie noch hat verfahren lassen, wieder ein und führt sie fortan mit sich. Von besonderer Bedeutung sind dabei natürlich die Kronjuwelen inclusive der Krone selbst. Im übrigen geht es ihm gesundheitlich nicht gut, er ist wohl an der Ruhr erkrankt. Gesichert ist, dass er Anfang Oktober in King’s Lynn war, von wo aus er nach Swineshead Abbey weiterzog. An dieser Stelle, so lautet die gängige Theorie, spaltete sich der Zug des Königs: Er selbst ritt über Wisbech, sein Gepäckzug nahm eine Abkürzung, weil die vollbepackten Tiere und Fahrzeuge sowieso schon so langsam unterwegs waren. Diese Abkürzung sollte nun durch The Wash gehen, eine ziemlich breite Trichtermündung, die während der Ebbe allerdings hinreichend trocken war, um sie zu durchqueren.

National Grid square TF at 1 in 250 000 scale“ von Contains Ordnance Survey data © Crown copyright and database right. Lizenziert unter OS OpenData über Wikimedia Commons

Die ungefähre Route, die König (blau) und Gepäck (rot) damals genommen haben könnten. King’s Lynn ist mit einem großen grünen, die ungefähre Lage von Swineshead Abbey mit einem kleinen roten Stern markiert. Neuere Aufnahmen von Luftbildern lassen vermuten, dass die Küstenlinie damals noch deutlich südlicher verlief; das heutige Sutton Bridge ist einer der Orte, an denen sich die Kronjuwelen befinden könnten. Könnten! Contains Ordnance Survey data © Crown copyright and database right. Lizenziert unter OS OpenData über Wikimedia Commons

John kam in Swineshead an; seine Juwelen, seine Kriegskasse, Gold und Silber und vor allem die ganzen Leute, die dies transportieren sollten, jedoch nicht. Was war passiert? Schwer zu sagen – The Wash ist wie gesagt eine Trichtermündung, gewissermaßen eine große Bucht, an der Nordsee. Die Gezeitenunterschiede sind beträchtlich, sodass etwas, was eben gerade noch nach Meer ausgesehen hat, durchaus in einigen Stunden zu Fuß passierbar sein kann – man kennt das zum Beispiel aus Ostfriesland. Vielleicht hatte der Zug sich verrechnet und sie waren so langsam unterwegs, dass die Flut ihn erwischt hat (von einer über das normale Maß hinausgehenden Flut“katastrophe“ im Oktober 1216, die weitere Opfer gefordert hätte, wissen wir übrigens nichts). Vielleicht sind auch Karren und Pferde im Schlick stecken geblieben und konnten nicht mehr rechtzeitig befreit werden. Treibsand könnte eine Rolle gespielt haben. Vielleicht hat die Bande sich mit dem Gold aus dem Staub gemacht und nach Buccaneer’s Den  abgesetzt. Wikipedia berichtet auch von der Theorie einer Gezeitenverschiebung; die Flut sei also früher als üblich gekommen; auch könnte der Schatz geraubt worden sein oder in WIrklichkeit niemals weggekommen, sondern John hätte damit Söldner ausbezahlt.

Laut Shakespeare wurde König John vergiftet, und es besagt auch eine Theorie, der König sei absichtlich ermordet und anschließend seiner Reichtümer entledigt worden. Tatsächlich starb er am 19. Oktober 1216 in Newark an den Folgen seiner Krankheit, höchstwahrscheinlich der Ruhr.

Alles in allem also war König John nicht gerade erfolgreich, eher unbeliebt und auch von der Nachwelt nicht unbedingt bewundert. Gerade der mutmaßliche Verlust seiner Krone in The Wash ist ja an negativer Symbolik kaum zu überbieten. Was an Gegenständen noch existiert und mit König John in Verbindung gebracht wird, sind zwei Beispiele herausragender Schmiedearbeiten; ein Pokal und ein Schwert, die er der Stadt King’s Lynn übereignet haben soll und die sich mittlerweile dort im Rathaus befinden. Beide stammen allerdings wahrscheinlich aus älterer Zeit.

Was bleibt? Die Landschaft von The Wash hat sich mittlerweile verändert; die Flussverläufe stimmen nicht mehr mit denen des 13. Jahrhunderts überein. Es hat immer wieder Grabungen an unterschiedlichsten Orten gegeben, wo der Gepäckzug hätte langgehen können; bislang ohne Erfolg. Vielleicht besteht eine Chance darin, dass Teile der früheren Bucht heutzutage nicht mehr überflutet werden – vielleicht geht ja irgendwann einmal ein britischer Bauer mit Metallsonde über seinen Acker und findet die Kronjuwelen. Wünschenswert wäre es, denn egal wie golden und funkelnd alte Schätze auch sein mögen; zumindest Lars und ich sind eigentlich immer am meisten daran interessiert, zu wissen, wie es denn jetzt genau war. Wenn es Euch genauso geht – schaltet wieder ein! Schreibt uns, nehmt am Gewinnspiel teil, und hört sowieso Radio Blau, so oft es nur geht.

 

* Die Magna Carta sollte vielen Menschen mehr Freiheiten und Rechte bringen – Es sei denn natürlich, man gehörte einer eher dubiosen gesellschaftlichen Gruppe an wie zum Beispiel den Juden oder den Kleinbauern oder den Frauen. Naja, jede Gesellschaft fängt mal an. Und England war mit dem 13. Jahrhundert ziemlich gut dabei.

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