Wer Elfenbein will, muss den Spulwurm ertragen.

Was würdet ihr tun, wenn ihr an eurem Arbeitsplatz eine Mumie entdecken würdet? Eine Frage, mit der sich viele noch nie beschäftigt haben. Das ist kein Wunder, denn für die meisten von uns ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass dieses Ereignis eintritt. Hallstätter Bergleute im Jahr 1734 entschieden sich jedenfalls für ein christliches Begräbnis auf dem örtlichen Gottesacker. Für die unterbliche Seele des prähistorischen Mannes im Salz vielleicht eine gute Entscheidung, aus Sicht der Archäologie eher traurig.

„Namakii“ von Mardetanha - Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

Auch eine sehr alte Salzmumie, aber aus dem Iran. „Namakii“ von MardetanhaEigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

Rund 100 Jahre später begann dafür eine Art Blütezeit der systematischen Erforschung dessen, was das Salz von Hallstatt Jahrtausende lang verborgen gehalten hatte. Besonders verdient machte sich darum der Bergmeister Johann Georg Ramsauer, welcher ein eisenzeitliches Gräberfeld entdeckte und dieses akribisch zu dokumentieren begann. Fast 1000 Gräber fand er, notierte interessante Einzelheiten und fertigte sogar Zeichnungen an, aus denen die Lage der Skelette hervorgeht, ihre Grabbeigaben und deren Anordnung.

Die Bestatteten lassen vermuten, was sich nachher, wenn wir zum Bergwerk selbst kommen, noch bestätigen wird: Die Leute sind nicht gerade gesund gestorben. Ein großer Teil der Toten ist nicht besonders alt geworden; kohlenhydratreiche Kost hatte ihnen Karies beschert, und bereits Kinderknochen wiesen Abnutzungserscheinungen auf, die wohl von harter körperlicher Arbeit herrührte. Was man allerdings auch behaupten darf, ist, dass die Menschen nicht arm gestorben sind. Unzählige Werkzeuge, Waffen, Alltags- und Ziergegenstände wurden mit ihnen begraben – Keramik, Bronze, Eisen, aber auch Materialien, die auf Verbindungen an ferne Orte schließen lassen. So fand man neben Bernstein von der Ostsee und Gold auch Elfenbein und sogar Glas.

Was uns leider fehlt, sind Hinweise auf einer Siedlung und natürlich Schrift. Beides taucht zum ersten Mal mit den Römern auf, die hier in etwa zur Zeitenwende die Provinz Noricum errichteten. Da aus römischer Zeit allerdings wiederum kein Bergbau in Hallstatt bekannt ist, wollen wir uns damit – zumindest heute – gar nicht weiter aufhalten. Ohne Siedlung und Schrift lässt sich leider auch schwer ausmachen, wie die Gesellschaft an sich organisiert war – war sie sehr hierarchisch oder eher egalitär? „Gehörte“ das Salz jemandem, existierte ein sozialer Unterschied zwischen Bergleuten und Händlern?

Bronzene Grabbeigabe. Eigentlich viel zu schade zum verbuddeln.

Bronzene Grabbeigabe. Eigentlich viel zu schade zum verbuddeln.

Solange solche Fragen nicht abschließend beantwortet werden können, sind für Lars und mich mit Abstand die spannendsten Funde diejenigen, die einen direkten Rückschluss auf den Alltag im Berg zulassen, also was die Arbeitsabläufe und die vorhandene Technik angeht. Dabei profitieren wir heute von mehreren Ereignissen, die für die Damen und Herren aus Bronze- und Eisenzeit schreckliche Katastrophen waren; es kam nämlich wiederholt zu Erdrutschen, die das komplette Bergwerk unter sich begruben und damit für uns konservierten. Was sich dabei noch zutage fördern lässt, ist ausgesprochen erstaunlich.

Führen wir uns noch einmal vor Augen, was den Menschen in der Eisenzeit zur Verfügung stand: Bronze, Eisen, Stein und sozusagen nachwachsende Rohstoffe. Auch in der Eisenzeit wurde anscheinend noch viel mit Bronzehacken gearbeitet. Das mag daran gelegen haben, dass für die Gewinnung von Eisen höhere Temperaturen notwendig sind und die Verarbeitung insgesamt mehr Aufwand darstellt, vielleicht gab es aber auch andere Gründe. In jedem Fall waren die verfügbaren Mittel rudimentär, und dennoch sind mittlerweile einige Dutzend Stellen bekannt, an denen in prähistorischer Zeit nach Salz gegraben wurde, nicht wenige davon reichen 100 Meter und mehr unter die Erdoberfläche! Die Menschen gelangten über hölzerne Stiegen in den Berg und wieder hinaus; um das Salz zu transportieren, standen zum Beispiel ausgeklügelte Lederrucksäcke zur Verfügung, für größere und schwerere Materialien – etwa Bauholz – auch Seile, die eine halbe Tonne und mehr aushalten konnten.

Stichwort Seil: Bereits ein so einfach anmutendes Arbeitsmittel ist nicht mal eben so hergestellt. Im Christian von Tusch-Werk wurde ein Seil aus Lindenbast gefunden, welches im Rahmen eines archäologischen Experiments versucht wurde nachzubauen. Dabei wurden eigens Fachleute in traditioneller Seilerei befragt, die freilich Affenbrotbaum als Ausgangsmaterial verwenden. Heidewitzka, so ein Aufwand! Man schäle eine Handvoll Linden. Man lege die so gewonnene Rinde einige Wochen in Wasser ein. Dann drehe man aus diesem Bast zunächst Einzelstränge ein, wobei immer und immer wieder neue Baststücke mit eingearbeitet werden müssen, um mehr Länge zu erreichen, und selbstverständlich ist auf gleichbleibende Dicke und Spannung zu achten. Wenn nach vielen Stunden dann drei ausreichend lange Einzelstränge vorhanden und die Finger noch immer nicht durchgescheuert sind, nehme man mindestens drei Personen, die einem noch etwas schuldig sind, um das Seil zu schlagen; eine bekommt das entstehende Seil in die Hand, die anderen drei die jeweiligen Einzelstränge, und nun wird unter gleichbleibendem Zug in die entgegengesetzte Richtung gedreht. Schwer, sich das vorzustellen? Fand ich auch, bevor ich den Film in Chemnitz gesehen hatte – zum Glück haben die Experimentatoren ihre Arbeit aber mit einer kleinen Bilderserie dokumentiert.

Was die Fortbewegung in vertikaler Richtung anging, so kamen neben hölzernen Leitern auch ziemlich ausgeklügelte Treppen in Modulbauweise zum Einsatz: Sie konnten auseinandergenommen, transportiert und woanders wieder aufgebaut werden, und ihre Stufen ließen sich in verschiedenen Winkeln feststellen, je nach Steigung.

Nachbau einer Treppe aus der Hallstattzeit

Nachbau einer Treppe aus der Hallstattzeit im smac. Hier als eine Art Brücke aufgestellt, ließ die Treppe sich je nach Anwendungsort neu ausrichten.

Arbeitsschutz ging auch damals schon alle an, deshalb gab es Lederkappen für den Kopf, Lederschuhe für die Füße und simple Handschoner aus Leder und gewobenen Wollfasern. Dass übrigens noch so viele Textilreste gefunden werden konnten, ist ein besonders seltenes Glück. Während die Stücke aus der Bronzezeit noch relativ einfach waren, weisen die hallstattzeitlichen Stücke eine Fülle an unterschiedlichen Webtechniken auf und waren vor allem schon recht vielfältig gemustert. Gemustertes Flechtwerk haben wir ja zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort schon einmal kurz erwähnt, aber im Gegensatz zu den Wüstenmumien haben die Hallstätter keine von vornherein unterschiedlich gefärbten Materialien verwendet, sondern sich die Mühe gemacht, ihre Fasern mit Hilfe verschiedener Pflanzen und Mineralien zu färben. Und zwar in allen erdenklichen Farben! Besonders nobel: der blaue Farbstoff Indigotin war offensichtlich bereits bekannt, wie chemische Analysen an blauem Gewebe zeigten.

Indigo ist eines der typischen Beispiele dafür, wo ich mich wirklich frage, wie zum ersten Mal jemand darauf gekommen ist, dass das funktioniert: Der zugrundeliegende Färberwaid als Pflanze sieht erst einmal überhaupt nicht blau aus. Er hat gelbe Blüten und grüne Blätter. Um nun ein Stück Stoff oder einen Klumpen Wolle damit zu färben, muss man sehr viel Zeit mitbringen und für Schritt 3 am besten eigentlich auch Gummihandschuhe. Als erstes pflücken wir Blätter, und zwar in rauen Mengen. Diese werden nun zerstampft, sodass man eine Art Brei enthält. Dieser Brei wird nun, als drittes, mit Ammoniak behandelt. Das Haber-Bosch-Verfahren dürfte in der Hallstattzeit noch nicht bekannt gewesen sein, deshalb war die naheliegendste Quelle für Ammoniak leider ordentlich abgestandener Urin. Dass dieser auch in späteren Zeiten eine verbreitete Zutat für die Färberei war, ist mannigfach verbürgt. Aber wir haben ja unsere Handschuhe an. Dieses Süppchen bringt man nun unter Zugabe von Pflanzenasche zum Kochen und fügt die zu färbende Faser hinzu. Stunden später kann diese entnommen werden und sieht – naja, irgendwie grün aus. Erst an der Luft entwickelt sich die blaue Farbe. Sollte das tatsächlich eine Zufallsentdeckung gewesen sein? Diese Situation dürfte auf jeden Fall äußerst skurril gewesen sein.

Ein anderes berühmtes Fundstück aus dem Hallstätter Gräberfeld: Dieses knapp 2800 Jahre alte bronzene Zierbeil.

Ein anderes berühmtes Fundstück aus dem Hallstätter Gräberfeld: Dieses knapp 2800 Jahre alte bronzene Zierbeil.

 

Da wir gerade ohnehin schon die Verdauung gestreift haben, möchte ich noch ganz kurz auf die Ernährung der Bergleute kommen. In den eingestürzten Stollen fanden sich nämlich auch Reste von Lebensmitteln sowie ehemalige Lebensmittel, die den eisenzeitlichen Menschen also bereits passiert hatten. Es hört sich vielleicht nach Strafarbeit an, in prähistorischen Exkrementen zu stochern, aber tatsächlich liefern diese natürlich wichtige Hinweise, wenn man der Frage nachgeht, wovon die Person sich ernährt hat. Und, wenn man das wirklich wissen will, ob sie an unangenehmen Parasiten litt. In einem Fall ist es in Hallstatt sogar gelungen, einen relativ großen Spulwurm zu isolieren, der sich jetzt fies grinsend in einem Gläschen in einer Chemnitzer Vitrine befindet. Außerdem gab es allerhand Eier des Peitschenwurms.

Immerhin, das Essen dürfte sogar ganz in Ordnung gewesen sein. Resten an Kochgeschirr sowie in Nachbarschaft der Würmer lassen eine Art Eintopf vermuten, der in ähnlicher Form heute noch im Alpenraum bekannt ist. Zutaten waren hauptsächlich Gerste und Hirse, aber auch Bohnen, gelegentlich Schweinefleisch und Bärlauch. Die Delikatesse nennt sich Ritschert, und diese Publikation schlägt auf Seite 10 sogar ein „Original-Althallstätter“ Rezept vor.

Alles in allem dürften die frühen Hallstattbewohner oft schmerzende Gelenke gehabt haben; sie verbrachten viel Zeit in der Dunkelheit, aßen hauptsächlich Eintopf, verloren ihre Zähne und litten unter Darmparasiten. In ihren Textilien wurden – natürlich – jede Menge Läuse gefunden. Aber sie waren faszinierende Leute, die eine Fülle von Objekten hinterlassen haben, die so einzigartig ist, dass eine ganze Epoche der Menschheitsgeschichte nach ihnen benannt wurde.

 

Der Verlag des naturhistorischen Museums Wien hat ein sehr schönes Buch zur Geschichte Hallstatts herausgebracht.

Die bereits erwähnte Ausstellung im smac bietet neben vielen der hier genannten Objekte (und noch viel mehr!) auch ein paar informative Kurzfilme, unter anderem über die Herstellung des erwähnten Lindenseils.

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4 Gedanken zu „Wer Elfenbein will, muss den Spulwurm ertragen.

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