Ohne Salz wär hier gar nichts los!

Der Salzbergbau von Hallstatt war unser siebtes Thema bei Skulptur kaputt. Am 03.12.2015 um 21:00 wurde die Sendung bei Radio Blau ausgestrahlt.

Kochsalz ist vermutlich in den meisten Küchenschränken der preiswerteste Artikel. Außerdem stehen wir ihm auf eine merkwürdig doppelt-ambivalente Art gegenüber; zum einen ist sein Ruf eher schlecht (Blutdruck! Hundepfoten im Winter!), auf der anderen Seite wären Suppe oder Pommes ganz ohne Salz eine ziemlich traurige Angelegenheit. In der Regel nehmen wir seine Existenz aber einfach hin, ohne ihm eine übertriebene Faszination entgegen zu bringen. Beschäftigt man sich aber mit seiner Geschichte und seinem Einfluss auf frühe menschliche Kulturen, kann schnell eine so große Begeisterung entstehen, dass eine Stunde Radiosendung voll ist, ohne dass man auch nur die Hälfte dessen erzählt hat, was erzählenswert gewesen wäre.

Salz also. Dass wir es uns alle leisten können und sogar häufig viel zu viel davon aufnehmen, ist eine verhältnismäßig neue Situation. Salz war lange Zeit ein äußerst wichtiges Exportgut für Gegenden, die das Glück hatten, über abbaufähiges Salz oder Techniken zur Gewinnung aus Meerwasser zu verfügen; oft gab es eine Art staatliches Monopol auf den Salzhandel. Noch Ende des 19. Jahrhunderts waren die Einnahmen aus der Salzsteuer einer der wichtigsten Posten im deutschen Kaiserreich, und das Wort Salär erinnert daran, dass es sogar als Zahlungsmittel gedient hat.

Viele Ortsnamen verweisen noch heute auf die Bedeutung ihrer Salzvorkommen für die jeweilige Stadt – Salzburg, Salzwedel, Bad Salzungen sind Beispiele, aber auch Namen, die das Morphem „Hall“ tragen, also Halle, Bad Reichenhall, Schwäbisch Hall, oder eben Hallstatt, um das es heute gehen soll.

Hallstatt liegt sehr malerisch am Hallstätter See im österreichischen Salzkammergut. Seine Siedlungsgeschichte weist noch viele weiße Flecken auf; das Marktrecht wurde 1311 erworben und die ältesten archäologischen Funde datieren etwa auf 5000 v.Chr. Was allerdings dazwischen alles passiert ist, ist noch Gegenstand intensiver Forschung. Fest steht jedoch, dass hier schon vor langer Zeit und immer wieder Bergbau betrieben wurde; davon zeugen Funde im Salzberg, die so zahlreich und gut erhalten sind, dass eine ganze Epoche nach diesem Ort benannt wurde, die Hallstattzeit.

Bevor es allerdings soweit kommen konnte, musste sich der Salzberg erst einmal bilden. Eine wichtige Vorarbeit dazu leistete der Superkontinent Pangäa, der sich vor etwa 220 Millionen Jahren anschickte, in zwei Teile zu zerbrechen: Laurasia im Norden und Gondwana im Süden. Zwischen beiden lag das Tethysmeer. Eine Untiefe trennte einen Teil der Tethys weitgehend vom Rest des Ozeans ab – hier sollte das Salzkammergut entstehen. Das Meer begann nämlich gaaaaaaaaanz ganz langsam zu verdunsten, über mehrere Millionen Jahre hinweg. Wenn so eine riesige Menge Wasser verschwindet, bleiben natürlich allerhand Mineralien zurück, die vorher darin gelöst waren, und wenn sie dabei nicht allzu oft gestört werden, bilden sie ordentliche Schichten in der Reihenfolge ihrer Löslichkeit: Als erstes setzte sich Kalkstein am Grund ab, dann Gips, dann das Kochsalz und zum Schluss die Kalium- und Magnesiumsalze.  Diese Salzschicht bekam im Laufe der darauffolgenden Jahrmillionen einen Deckel aus anderen Sedimenten wie Ton und Salzstein, die mehr oder weniger wasserdicht sind. Das ist auch gut so, denn das Gebiet wurde ein zweites Mal überflutet, was diesmal zur Ausbildung mächtiger Dolomitschichten* führte.

„Haselgebirge“ von Zerohuman - Selbst fotografiert. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons.

Die Abfolge der Schichten lässt sich hier noch gut erahnen.„Haselgebirge“ von ZerohumanSelbst fotografiert. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons.

Nach mehreren Millionen Jahren liegt uns eine Art Sandwich vor: Zwei Deckel aus Kalkstein bzw. Dolomit, und dazwischen verschiedene Salze, Ton und Sandstein. Dieses Sandwich gerät jetzt mitten in die Auffaltung der Alpen hinein, die während der Kreidezeit einsetzt. Es wird angehoben, gefaltet, gestaucht, gebrochen und geschert. Das Ergebnis ist ein Berg, in dem die einzelnen Sandwichbestandteile zwar noch erkennbar sind, aber völlig kreuz und quer liegen. Dieses Kuddelmuddel trägt den schönen Namen Haselgebirge. Die Alpen übrigens heben sich immer noch! Mittlerweile nur noch etwa um 1 mm im Jahr, aber immerhin, während andere Gebirge nur noch vor sich hin erodieren. Mit ihren schlappen 100 Millionen Jahren gehören die Alpen sozusagen noch zu den jugendlichen Heißspornen.

Wir haben jetzt also einen schönen Salzberg, der viele Millionen Jahre mehr oder weniger unbehelligt herumstehen durfte. Irgendwann allerdings, und zwar vermutlich schon in der Steinzeit, dämmerte den Menschen, auf was für einem Schatz sie da standen. Der größte Gebrauchswert von Salz besteht nämlich nicht darin, dass es die Pommes genießbar macht, sondern, dass man damit Lebensmittel haltbar machen kann. Ob für Reisen oder den Winter, oder auch nur ein paar Wochen ohne Jagdglück – Vorratshaltung war essentiell für das Überleben, und so begann also die Erfolgsgeschichte des Salzes, die bis heute anhält. Ich denke, dass es nicht übertrieben ist zu mutmaßen, dass die Verbreitung des Menschen in Europa ohne Salz sich viel schwieriger gestaltet hätte. Von seiner Bedeutung als Handelsgut bereits in frühesten Kulturen ganz zu schweigen.

Woher wusste man nun also vom Salz? Es ist nicht anzunehmen, dass in der Steinzeit auf gut Glück Probebohrungen unternommen wurden. Hier und da tritt aber im Gebirge bekanntlich gerne mal Wasser an die Oberfläche. Wenn es sich dabei um sehr salzhaltiges Wasser handelt, bezeichnen wir das Phänomen als Solequelle und wir erkennen es ganz gut daran, dass die Vegetation im Bereich dieser Quelle etwas verhaltener ist als sonst üblich; dafür kommt ganz gerne mal ein Reh vorbei und leckt am Stein. Es existieren bis heute keinerlei Belege, aber es erscheint plausibel, dass die früheste Salzgewinnung in Hallstatt darin bestand, dieses Wasser aufzufangen und beispielsweise verdunsten zu lassen, um an das enthaltene Salz zu gelangen. Es wurden jedoch Werkzeuge gefunden, die für die Steinzeit typisch sind; Äxte zum Beispiel, um Holz zu bearbeiten, sowie ein 7000 Jahre alter Hirschgeweihpickel. Siedlungen oder Gräber jedoch – Fehlanzeige.

Seit dem Mittelalter wird verbrieftermaßen in Hallstatt Salz abgebaut. Immer wieder geschah es dabei, dass die Bergleute auf rätselhafte Spuren früherer Tätigkeit im Berg aufmerksam wurden – das Heidengebirge zum Beispiel, eine zusammengepresste Masse aus Abfällen und Abraum; abgebrannte Holzspäne, Lederstücke, kleinere Salzbrocken, Haare – die Bergleute also begriffen, dass sie hier nicht die ersten waren. Sie trafen dabei allerdings in der Regel nicht auf offene Stollen oder ähnliches, sondern auf Funde, die dicht vom umgebenen Gestein umschlossen waren. Einige katastrophale Erdrutsche hatten die alten Schächte offenbar verfüllt, und der Bergdruck ein übriges getan, um die einstigen Hohlräume wieder zu verschließen. Dennoch entstand im Laufe der Zeit eine Übersicht der Gebiete, die bereits in vorchristlicher Zeit bearbeitet worden waren. Die Anzahl dieser Fundstellen ist verblüffend umfangreich; ebenso die Hinweise auf elaborierte Technik und der ausgezeichnete Zustand der Dinge, die im Salz vor sich hingeschlummert haben. Das alles ist so toll, dass es einen eigenen Artikel verdient hat, weshalb ich mich an dieser Stelle vorerst mit einem Cliffhanger verabschiede. 🙂

 

*Dolomit ist so ähnlich wie Kalkstein, aber mit hohem Anteil an Magnesiumcarbonat (MgCO3). Dass die Dolomiten so heißen, ist kein Zufall!

Auf dieser geologischen Uhr vom Urweltmuseum in Holzmaden ist sehr gestrafft und anschaulich dargestellt, wie sich die Kontinente unserer Erde immer wieder verschoben haben. Als es denn endlich mal Kontinente gab.

Noch bis Anfang Januar kann man im Sächsischen Landesmuseum für Archäologie in Chemnitz eine sehr interessante Sonderausstellung zu den Hallstätter Funden besuchen. Dort habe ich auch einige der Fotos in diesem und dem folgenden Artikel gemacht.

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2 Gedanken zu „Ohne Salz wär hier gar nichts los!

  1. Holger Weidauer

    Die Radiosendungen „Skulptur kaputt“ sind mir immer ein Fest. Über Chemie, Physik und Geschichte so zu erzählen, dass es Spaß macht, Wissenschaftsgesprächen zu lauschen, ist ja so üblich nicht. Und die Texte im Blog sind brillant. So mit fluffiger Sprache, auf dem ersten Blick, sperriges Wissen so aufzubereiten, dass ich das Gefühl habe, etwas verstanden zu haben, ist, zudem kein Witz ausgelassen wird, wo er angebracht ist, einfach großartig.

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  2. Pingback: Krieg gehört ins Museum! (1/2: Die Anfänge) | Skulptur kaputt

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