Als in der Nordsee noch Mammuts gejagt wurden

Doggerland war unser drittes Thema bei Skulptur kaputt und wurde am 25.08.2015 um 18:00 ausgestrahlt.

Manchmal, wenn die Ebbe in der Nordsee besonders stark ausfällt, kann man vor der englischen und walisischen Küste Baumstümpfe im Meeresboden sehen. Niemand, der heute lebt, kann sich noch an die Wälder erinnern, die dort mal gestanden haben müssen, aber da das Phänomen schon so lange bekannt ist, hat man sich wohl dran gewöhnt, und an und für sich ist ein Baumstumpf ja auch keine Sensation. Aber in unserer heutigen Geschichte Indiz Nummer 1.

Irgendwann entdeckten die Europäer die Schleppnetzfischerei für sich. Vor allem bei der Verwendung von Grundschleppnetzen ist das bekanntlich nicht gerade eine minimalinvasive Methode und fördert gelegentlich Dinge zutage, die gar nicht das vorrangige Ziel der Fischer sind. So kamen nach und nach Gegenstände aus der Tiefe, die im Meer eigentlich nichts zu suchen haben: Knochen von Tigern und Löwen (nicht Seelöwen!), Mammuts und weiteren Landtieren – und als dann 1931 auch noch steinerne Harpunenspitzen auftauchten, die eindeutig von Menschen bearbeitet worden waren, konnte man die Sache nicht mehr ignorieren. Hier musste es einmal Land gegeben haben, und in Anlehnung an die berühmte Untiefe, nach der schon ein bestimmter Juckreiz benannt wurde, sollte es also fortan Doggerland heißen. Von diesem Land sprechen wir heute*.

Wir begeben uns damit weiter in die Geschichte zurück als es bei Skulptur kaputt bisher üblich war, denn Doggerland begann vor etwa 8000 Jahren zu verschwinden – damals war in Europa gerade Mittelsteinzeit. Ich sage deshalb „in Europa“, weil Begriffe wie Steinzeit, Bronzezeit, Eisenzeit etc. nicht die Erdgeschichte, sondern die Menschheitsgeschichte bezeichnen. Vermutlich wisst ihr es alle ohnehin schon, nur zur Wiederholung der Hinweis: Die Eisenzeit zum Beispiel begann, als Menschen begonnen haben, Eisen als Werkstoff zu verwenden. Der Übergang von der Mittel- zur Jungsteinzeit hingegen war durch ein Aufkommen von Fischerei, Ackerbau und Viehzucht gekennzeichnet, die das Jagen und Sammeln ersetzten bzw. ergänzten. Wann genau diese Veränderungen eingetreten sind, ist natürlich überall auf der Welt verschieden. Zeiten, zu denen China bereits eine komplexe Bürokratie aufgebaut hatte, gelten in Norwegen noch als prähistorisch. Aber kommen wir zurück zum Thema.

Wie so vieles hängen auch der Anfang und das Ende des Doggerlands mit dem Klima zusammen. Vor etwa 10.000 Jahren endete die sogenannte Letzte Kaltzeit, während der weite Teile der Nordhalbkugel mit Eispanzern überzogen waren. All das Wasser, das in Gletschern gespeichert war, fehlte natürlich im Meer und somit lag die Küstenlinie der Nordsee etwa 600 km weiter nördlich als jetzt. In den allerfrostigsten Zeiten hatte der Meeresspiegel 120 m tiefer gelegen als heute; zum Ende der Eiszeit hin waren es immer noch 60 Meter.

"Doggerland3er" by Juschki - Own work based on the Generic Mapping Tools and ETOPO2 File:Europe topography map.png erstmals Hochgeladen von Igor523. Licensed under CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons.

Doggerland im Wandel der Zeit. „Doggerland3er“ by JuschkiOwn work based on the Generic Mapping Tools and ETOPO2 File:Europe topography map.png erstmals Hochgeladen von Igor523. Licensed under CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Doggerland etwa eine Fläche von 23.000 km², etwas mehr also als zum Beispiel Hessen. Nun klappte aber der Kalender um auf „Holozän“; es wurde wärmer und der Laurentidische Eisschild in Nordamerika begann zu schmelzen und sich in gewaltigen Strömen ins Meer zu ergießen. Infolgedessen stieg auch in der Nordsee der Meeresspiegel in den folgenden 2000 Jahren um 35 Meter, das sind 1,75 cm im Jahr. Heutzutage haben wir mit einem Anstieg von etwa 3 mm im Jahr zu kämpfen, und wenn man bedenkt, dass das schon spürbare Auswirkungen hat, kann man sich ausmalen, was damals los gewesen sein muss. Ein paar glückliche Jahre lang mag es sehr schön gewesen sein; man konnte noch nach London laufen und es wurde dabei auch noch immer wärmer. Birken bewaldeten die ehemalige Tundra, und große Binnenseen boten allerhand Möglichkeiten zum Fischfang.

Mit der Zeit allerdings verwandelte sich die Tiefebene in eine Insel- und Marschlandschaft; die Küste zog sich zurück, ufernahe Gebiete versalzten, und die Bedingungen wurden für Mensch und Tier (außer Seelöwen) schlechter.

Als ob das alles nicht schon genug wäre, ereignete sich dann vor 8200 Jahren das, was den Bewohnern von Doggerland endgültig den Garaus gemacht haben dürfte. Vermutlich durch ein Erdbeben ausgelöst kam es in Norwegen zu einem ziemlich fiesen Erdrutsch. Mehrere tausend Kubikkilometer** Landmasse verabschiedeten sich entlang eines Gebiets namens Storegga (=große Kante) in Richtung Atlantik. Bei dieser Gelegenheit wurde eine gigantische Flutwelle ausgelöst, deren Auswirkungen bis nach Grönland nachverfolgt werden können. Eine massive Schleifspur auf dem Meeresboden zeugt noch heute davon. Eine etwas dramatische, aber anschauliche Animation der Geschehnisse könnt ihr euch hier angucken. Dieser Tsunami war es jedenfalls, der Großbritannien endgültig zur Insel machte.

Wie hat dieses Doggerland nun ausgesehen? In einer Gegend, die unter dem Meer liegt, gestalten sich archäologische Grabungen natürlich deutlich schwieriger. Was man aber auf jeden Fall schonmal machen kann, ist, die Topographie des Gebietes zu bestimmen. Für einen groben Überblick halfen reflexionsseismische Erhebungen von Ölbohrfirmen, die in der Nordsee ansässig sind. Seitdem können wir uns in etwa die Küstenverläufe vorstellen, und wir wissen außerdem, dass zwischen Doggerbank und Ärmelkanal ein Binnensee lag, der sowohl von Seine und Rhein als auch von der Themse gespeist wurde. Eine Vorstellung davon, wieviel Arbeit dahinter steckt, so eine Kartographierung durchzuführen, vermittelt ein Blick in diese Publikation.

Die Uni Bradford hat sich seit September 2015 angeschickt, ein 3D-Modell der Landschaft zu erstellen sowie die DNA in den Sedimenten des Meeresboden systematisch zu untersuchen, um mehr über das Leben in Doggerland herauszufinden. Das ist eine doppelt erfreuliche Nachricht; denn erstens ist tatsächlich noch nicht viel konkretes über diesen Abschnitt der Geschichte bekannt, und außerdem blicken potentielle archäologische Fundstätten in der Nordsee möglicherweise nicht gerade rosigen Zeiten entgegen, wenn dort in Zukunft riesige Offshore-Windparks entstehen sollen. Da bislang allerdings auf dem Meeresboden noch so vergleichsweise wenig in die Landschaft eingegriffen wurde (kein Ackerbau, kein Städtebau, kein Kanalbau o.ä.), besteht vielleicht die einmalige Chance auf viele unversehrte Funde, die die Jahrtausende überdauert haben. Ich denke jedenfalls, dass es allen Grund gibt, auf die Ergebnisse gespannt zu sein.

Bis dahin lohnt es sich durchaus, sich mit anderen mesolithischen Fundstätten zu beschäftigen, die einen Hinweis darauf geben könnten, wie es vielleicht auch mal auf Doggerland ausgesehen hat. Einer dieser Orte befindet sich im Norden von England und ist so spannend, dass ihr hier darüber demnächst mehr lesen könnt!

 

Mehr Informationen hier:

ein guter Einführungsartikel zu Doggerland: Spinney L (2008): The lost world. Nature 454:151-153

mehr zur Storegga-Katastrophe: Weninger B et al. (2008): The catastrophic final flooding of Doggerland by the Storegga Slide Tsunami. Documenta Praehistorica 35:1-24

Und vor allem lege ich euch diese, wie immer sehr feine, Time Team-Folge ans Herz.

 

*Das Wort „Doggerbank“ wiederum leitet sich wahrscheinlich vom Dogger ab, einem niederländischen Bootstypen, der erstmals im 14. Jahrhundert beschrieben wurde und in dieser Gegend zum Fischen genutzt wurde.

**Die einen sagen 3000, die anderen 5000. Wie auch immer, wenn man von einem Güterzug überrollt wird, ist es eigentlich nicht so entscheidend, ob er 30 oder 50 Waggons dabei hatte.

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4 Gedanken zu „Als in der Nordsee noch Mammuts gejagt wurden

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