Tirolerhüte und Phallussymbole – die seltsamen Mumien von Friedhof Nr. 5

Ördeks Nekropole aka Xiaohe Mudi aka Friedhof Nr. 5 war unser fünftes Thema bei Skulptur kaputt und wurde am Mittwoch, den 7.10.2015 um 21:00 ausgestrahlt.

Bis zu 80 °C Bodentemperatur im Sommer. Eine Verdunstung, die die Niederschlagsmengen um das 165-fache übersteigt. Mindestens ein Sandsturm in der Woche. Wer würde eine solche Gegend „See mit vielen Zuflüssen“ nennen? Und wer würde ausgerechnet hier einen ausufernden Fruchtbarkeitskult vermuten?

Wir befinden uns in der Lop Nor-Wüste, einer der unwirtlichsten Gegenden der Welt. Sie ist nach einem See benannt, der zu seinen besten Zeiten eine Fläche von über 20.000 Quadratkilometern bedeckte und tatsächlich von zahlreichen größeren und kleineren Zuflüssen gespeist wurde, allen voran vom Tarim. Dieser Fluss ist namensgebend für die ganze Gegend, das Tarimbecken, eine gewaltige Fläche im Nordwesten Chinas. Den Tarim gibt es auch noch; der Ausläufer allerdings, der einst den Lop Nor-See speiste, kommt dort mittlerweile nicht mehr an. Seit einigen Jahrzehnten versickert und verdunstet er in der Wüste. Der See selbst ist langsam ausgetrocknet. Wo er war, kann man auf Satellitenbildern noch gut sehen: Er hat die Form eines großen Ohrs.

„Basin of Lop Nur 90.25E, 40.10N, Desert of Lop, Kum Tagh and Astin Tagh“ von Zugrunde liegt ein noch nicht farbrichtiges Astronauten-Foto der NASA. Diese Fotografie wurde von Michael Gaebler am 02. März 2006 im RGB-Modus mit Adobe Photoshop 6.0 mit Farb- und Tonwertkorrekturen überarbeitet. - NASA Mission: STS047, Roll-Frame 151 – 26, File name STS047-151-26.JPG. [1]. See also: [2].. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons.

Na, wer findet das Ohr? Basin of Lop Nur 90.25E, 40.10N, Desert of Lop, Kum Tagh and Astin Tagh. NASA-Aufnahme, überarbeitet von Michael Gaebler . Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons.

Warum interessiert uns also diese Gegend, in der man offensichtlich nicht mal tot überm Zaun hängen will? Nun, weil dort seit Jahrtausenden Leute tot unterm Zaun liegen. Die Bedingungen, die das Leben in Lop Nor so erschweren, sorgen nämlich auch dafür, dass Totes nicht so schnell verwest; es ist trocken, windig, salzig und weitab vom Schuss. So war der Uigure Ördek, der 1924 hier unterwegs war, möglicherweise seit Jahrhunderten der erste Mensch, der einen Blick auf die bronzezeitliche Stätte warf, die heute unter den Namen Xiaohe Mudi, Ördeks Nekropole oder einfach Friedhof Nr. 5 bekannt ist. Ördek war damals als Ortskundiger von den schwedischen Archäologen Sven Hedin* und Folke Bergman* angeheuert worden; Bergman war auch der erste, der begann, die Stätte systematisch zu untersuchen und einige der dort vergrabenen Artefakte zu bergen. Seine Erkenntnisse veröffentlichte er im Jahr 1939. Bekanntermaßen war dies eine Zeit, in der die Leute alle möglichen Sorgen hatten, aber bestimmt nicht, Archäologen in irgendwelche abgelegenen Wüsten zu schicken, und so sollte es bis zur nächsten Expedition eine ganze Weile dauern, nämlich bis Bergmans Forschungsbericht in den 1990er Jahren ins Chinesische übersetzt wurde und sofort ein Run einsetzte auf diese Gegend, in der es so einiges an archäologischen Schätzen zu heben galt.

Ördeks Nekropole (=Totenstadt) also soll uns heute beschäftigen. Die Anlage ist ziemlich einzigartig. Sie hat die Form eines elliptischen Hügels, der weithin zu sehen ist. Zwar ragt der höchste Punkt gerade einmal knapp 8 Meter über die Umgebung hinaus, aber da die Landschaft dort relativ flach ist, reicht das schon, um Eindruck zu machen. Die Ausdehnung des Hügels beträgt etwa 80 Meter in Ost/West- und 40 Meter in Nord/Süd-Richtung, und er besteht aus fünf übereinander liegenden Schichten von Gräbern, die zu unterschiedlichen Zeiten angelegt wurden. Die tiefsten und damit ältesten Gräber sind etwa 4000 Jahre alt, die jüngsten 3500 Jahre – der Friedhof war also circa 500 Jahre in Betrieb. Von weitem sieht das ganze ein bisschen aus wie ein riesiger Igel, denn jedes Grab hat eine sehr merkwürdige Markierung, auf die wir gleich noch kommen werden.

Die Gräber selbst ähneln einander bis auf wenige Ausnahmen sehr. Jung, alt, männlich, weiblich – alle haben ihr eigenes Einzelgrab mit ähnlichen Beigaben; nennenswerte Standesunterschiede sind nicht auszumachen (mit einer Ausnahme, auf die wir später noch kommen). Auch Särge sind vorhanden, und zwar Holzsärge in Form umgedrehter Boote. Dies erinnert ein wenig an diverse europäische Grabstätten, wie zum Beispiel das angelsächsische Fürstengrab von Sutton Hoo, auch wenn dieses weitaus opulenter ist und aus wesentlich späterer Zeit stammt. In diesen Särgen fanden sich Mumien, die ausgesprochen gut erhalten sind. Etwa 30 der ursprünglich über 300 Mumien konnten geborgen werden, um sie näher zu untersuchen; die Hälfte der Gräber war zu diesem Zeitpunkt bereits Plünderern zum Opfer gefallen.

Wirklich eigentümlich ist, wie diese Gräber markiert wurden. Jede Stätte ist durch mindestens einen vieleckigen Pappelpfahl gekennzeichnet, der am Kopfende steckte und mit einer stilisierten Vulva (im Falle von männlichen Leichen) oder einem Phallussymbol (bei den Frauen) verziert wurde. Zu Füßen der Mumien begann das oberste Ende des nächstunteren Grabes, die Anlage hat also etwas von einem dreidimensionalen Puzzle. Auch unter den Grabbeigaben fanden sich reichlich Darstellungen von Geschlechtsmerkmalen; außerdem kleine Holzpuppen, Masken mit übertrieben großen Nasen und Schneidezähnen sowie außerordentlich gut erhaltene Körbe mit Resten von Getreide und Ephedra, einer alten Arzneipflanze.

Auf Töpferware ist man nicht gestoßen, und auch nicht auf viele Metallgegenstände – allenfalls in Form von kleinen Bronzeschmuckstücken, nicht aber Waffen oder Werkzeuge, wie das ansonsten oft in so alten Gräbern der Fall ist. Möglicherweise war Bronze sehr selten und damit zu kostbar, um sie im Friedhof zu versenken. Die erwähnten Körbe wurden aus verschiedenen Pflanzen geflochten und begeistern durch ihre Formen- und Mustervielfalt. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass die Zickzack-, Streifen- und Mäandermuster nicht durch gefärbte Materialien erreicht wurden, sondern es wurde die natürliche unterschiedliche Färbung der verwendeten Gräser ausgenutzt. Ansonsten sind die Körbe mal zylindrisch, mal kugelig; sie haben flache oder runde Böden und haben die unterschiedlichsten Größen. Es ist leider nicht so einfach, gemeinfreie Bilder dieser Ausgrabungsstätte zu finden, deshalb kann ich alle nur ermutigen, mal den diversen Links in diesem Artikel zu folgen, um sich selbst ein Bild von der bizarren Symbolik von Xiaohe zu machen.

Was mich persönlich besonders fasziniert hat, ist die Kleidung der Mumien. Neben Wollmänteln, einer Art Hemdgewänder und Pelzstiefeln trugen nämlich nicht wenige der Leichen Filzhüte, die den Vergleich zum Alpenraum geradezu aufdrängen.

Es gibt zwei Gruppen von Gräbern, die nicht ganz ins Bild passen. Zum einen enthalten einige der als „männlich“ klassifizierten Grabstätten keine Leichen, sondern Attrappen aus Holz. Vielleicht handelt es sich um symbolische Begräbnisse von Kriegern oder Jägern, die verschollen sind und nicht persönlich anwesend sein konnten. Eine weitere Besonderheit stellen vier Särge mit rechteckigem Grundriss dar, die also keine Bootsform haben. In ihnen liegen ausnahmslos ältere Frauen mit besonders reichen Grabbeigaben und teilweise noch sichtbarer Gesichtsbemalung. Der Verdacht liegt nahe, dass diese Damen eine besondere Rolle in der Gemeinschaft gespielt haben. Aber was für eine – politisch, familiär, religiös? – bleibt vorerst Gegenstand von Spekulationen.

Allgemein haben wir es hier mit sehr viel geheimnisvoller Symbolik zu tun. Was sollen die überzeichneten Holzmasken? Warum ausgerechnet die Bootsform der Särge, und warum dieser aufdringliche Fruchtbarkeitskult? Für all das lassen sich plausible Erklärungen finden – vielleicht existierte in dieser Wüstenkultur eine Vorstellung von einer Art Totenfluss wie dem Styx, vielleicht sollten die Holzmasken böse Geister abschrecken und die ganzen Geschlechtsteile unterstreichen, was für ein hohes Gut Fruchtbarkeit in dieser kargen Gegend war. Das sind allerdings nur Gedanken, die Lars und ich spontan dazu hatten, und erheben keinerlei Anspruch auf Seriosität. Wenn wir schon bei der zugrundeliegenden Kultur sind – wer liegt hier eigentlich begraben? Die Frage bereitet nach wie vor einiges Kopfkratzen. In der näheren Umgebung konnten bislang keine Spuren bronzezeitlicher Siedlungen gefunden werden. Auch wenn die Gegend einmal bewohnbarer war, als sie heute ist, hat die Besiedlung wohl hauptsächlich in Form von Oasen stattgefunden, also fruchtbaren Inseln in der Wüste. Manche stellen einen Zusammenhang zwischen den Friedhöfen am kleinen Fluss (=Xiaohe, der führt mittlerweile allerdings auch kein Wasser mehr) und bekannten Orten wie der einst mächtigen Stadt Loulan her. Loulan allerdings wurde zum ersten Mal erwähnt, als die jüngste unserer Mumien schon seit Jahrhunderten begraben lag, und liegt darüber hinaus 175 km entfernt; diese Hypothese ist also vielleicht nicht die wahrscheinlichste.

Wessen Gesicht ist das? Man weiß es nicht. „EuropoidMaskLopNurChina2000-1000BCE“ von I, PHGCOM. Lizenziert unter " href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/">CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

Wessen Gesicht ist das? Man weiß es nicht. „EuropoidMaskLopNurChina2000-1000BCE“ von I,
PHGCOM. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

Wissenschaftler der Jilin-Universität haben sich jedenfalls die mitochondriale DNA (mtDNA) der Mumien vorgenommen und versucht, mit Hilfe der vorliegenden Haplotypen herauszufinden, wo die geheimnisvollen Toten einst hergekommen sind. Über mtDNA sind wir schon einmal gestolpert, als es um Richard III. ging – damals lag der Fall allerdings noch ein bisschen anders, denn da ging es ja darum, die Verwandtschaft zwischen jeweils zwei Individuen nachzuweisen (die außerdem nur 500 Jahre auseinanderlagen und nicht zum Beispiel 4000). Wenn es jedoch darum geht, eine grobe Herkunft zu bestimmen, werden die Fehlerbalken an der Analyse schon dicker. Die Ergebnisse sind deswegen nicht ohne Aussage, aber man sollte im Hinterkopf behalten, dass wir hier nicht mit definitiven Aussagen arbeiten wie „Herkunft eindeutig Wuppertal“, sondern mit Häufigkeitsverteilungen. Was mit Haplotypen jetzt genau gemeint ist, soll vielleicht an anderer Stelle mal besprochen werden – es geht einfach darum, dass bestimmte Charakteristiken unserer mtDNA an verschiedenen Orten auf der Welt verschieden häufig auftreten; außerdem gibt es eine Art Stammbaum von Untergruppen, die sich voneinander ableiten lassen; die ältesten mtDNA-Haplogruppen stammen bekanntlich aus Afrika. Wie auch immer – das vorläufige Ergebnis war, dass die hier gefundenen Subtypen heute in den unterschiedlichsten Regionen Eurasiens gefunden werden können, von Mitteleuropa über Indien bis ins hinterste Sibirien.

"R1a1a distribution" by w:User:Hxseek - Wikipedia; original source for topographic map: NASA satellite images [1]. Licensed under Public Domain via Commons.

R1a1a distribution“ by w:User:Hxseek – Wikipedia; original source for topographic map: NASA satellite images [1]. Licensed under Public Domain via Commons.

Wir erinnern uns: Die Mitochondrien erhalten wir von der Mutter! Um das komplette Bild zu erhalten, wurden nun aber auch die Y-Chromosomen der gefundenen männlichen Leichen untersucht. Diese gehörten alle zu einer Haplotypen-Untergruppe, die auf den schönen Namen R1a1a hört und heutzutage vor allem in Osteuropa, Südasien und Sibirien zu finden ist. Das heißt nicht, dass sie nur dort zu finden ist, sondern sie ist da am häufigsten – siehe obige Grafik. Die Analyse wurde darüber hinaus an sieben Leichen vorgenommen, also nicht gerade einer überwältigend großen Stichprobe. Der derzeitige Stand der Erkenntnisse lässt sich jedenfalls so zusammenfassen: Die väterliche Linie weist in die oben dunkelviolett markierten Gebiete, die mütterliche Linie praktisch nach ganz Eurasien, mit Ausnahme des äußersten Osten.

Vielleicht stammten zumindest einige der Vorfahren unserer Toten aus dem heutigen Turkmenistan – dafür würde zum Beispiel auch der Weizen sprechen, der in den Flechtkörben gefunden wurde und damals schon von der sogenannten Oasenkultur angebaut wurde. Vielleicht machten sich ihre Nachfahren auch nach Westen auf, als der Klimawandel mal wieder zuschlug und die Gegend zu trocken wurde, um sich hier noch weiter aufzuhalten. Bei dieser Gelegenheit könnten sie der Hallstatt-Kultur den Tirolerhut näher gebracht haben. Das ist zugegeben meine persönliche, völlig unqualifizierte Vermutung, die mir einfach sehr gut gefallen würde. Es sieht alles danach aus, als wären sie aus vielen Richtungen gekommen und hätten sich danach in ebenso viele wieder zerstreut.

Und von irgendwelchen Vereinnahmungen in Richtung „weiße übermenschliche Urahnen brachten die Kultur in den fernen Osten“ distanzieren wir uns natürlich sowieso ausdrücklich.

Unsere hauptsächlichen Quellen waren diesmal:

eine etwas zähe Dokumentation über das chinesische Filmteam, das sich auf die Suche nach den Stätten im Tarimbecken gemacht hat. Gibt auf jeden Fall einen guten Eindruck von der Beschaffenheit der Landschaft.

Hoh E (2015): Loulan – Königreich der Wüste. in Spektrum der Wissenschaft Spezial Archäologie-Geschichte-Kultur Heft 2/15: 4000 Jahre China.

Mair VH (2006): The Rediscovery and Complete Excavation of Ördek’s Necropolis. Journal of Indo-European Studies 3:273.

Li et al. (2010): Evidence that a West-East admixed population lived in the Tarim Basin as early as the early Bronze Age. BMC Biology 8:15

Li et al. (2015): Analysis of ancient human mitochondrial DNA from the Xiaohe cemetery: insights into prehistoric population movements in the Tarim Basin, China. BMC Genetics 16:78

*Sowohl Sven Hedin als auch Folke Bergman haben eine Menge interessanter Entdeckungen gemacht; für durch und durch feiernswerte Charaktere halte ich sie allerdings nicht, unter anderem wegen Hedins Nähe zum Nationalsozialismus und seinem Umgang mit dem Team. Deshalb beschränke ich mich hier mal auf die Funde selbst, über die näheren Umstände der chinesisch-schwedischen Expedition mag anderswo nachlesen, wen sie interessieren. Immerhin – die Nekropole wurde nach ihrem tatsächlichen Entdecker benannt und nicht nach der Exkursionsleitung, das ist durchaus anerkennenswert in der Welt der Wissenschaft, in der nicht selten nur der Chef die Lorbeeren erntet.

 

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2 Gedanken zu „Tirolerhüte und Phallussymbole – die seltsamen Mumien von Friedhof Nr. 5

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