Guédelon – Party like it’s 1228 (1)

Guédelon war unser zweites Thema bei Skulptur kaputt und wurde am 22.07.2015 um 18:00 ausgestrahlt.

Wenn ich mich dafür interessiere, wie man heutzutage beispielsweise einen Flughafen baut, kann ich die Baustelle besichtigen. Ich kann mit Menschen reden, die daran beteiligt sind, Pressestellen kontaktieren und mich vielleicht sogar zu eigens angebotenen Führungen anmelden. Über Einzelheiten und Probleme, die zum Beispiel der Brandschutz aufwirft, werde ich manchmal sogar ganz unfreiwillig informiert, indem ich einfach nur eine Zeitung aufschlage.

Wenn ich aber gerne wissen möchte, wie vor 800 Jahren eine Burg gebaut wurde, ist das schon wesentlich schwieriger – obwohl die Zahl solcher Anlagen allein in West- und Mitteleuropa fünfstellig ist (zum großen Teil existieren freilich, wenn überhaupt, nur noch Ruinen). Wir sind darauf angewiesen, das, was noch steht zu untersuchen und zeitgenössische Quellen zu befragen. Viele Fragen lassen sich so beantworten – wer veranlasste den Bau, woher kamen die Materialien, wieviele Menschen beherbergten die Gebäude, und so weiter.

„Château de Guedelon 2006 01“ von Tristos - fr:Image:014.JPG. Lizenziert unter CC BY-SA 2.5 über Wikimedia Commons.

Eine französische Baustelle, ca. im Jahr 1237. „Château de Guedelon 2006 01“ von Tristosfr:Image:014.JPG. Lizenziert unter CC BY-SA 2.5 über Wikimedia Commons.

Aber wenn ich es wirklich ganz genau wissen will – wie schnell der Mörtel trocknet, wie viele kräftige Arme es braucht, um die Stufen einer Wendeltreppe hochzuhieven oder woran ich erkenne, dass meine getöpferten Wasserleitungen fertig gebrannt sind?

Da braucht es Enthusiasten (oder: Verrückte) wie Michel Guyot. Er hatte bereits Erfahrung bei der Restaurierung alter Schlösser gesammelt und kam irgendwann zu der Erkenntnis, dass ihm das nicht reichte. Er wollte eine neue Burg, aber eine, wie sie im 13. Jahrhundert ausgesehen hätte. Vor allem aber, und das ist es, was Guédelon unter all den Tausenden anderen Burgen so besonders macht: Sie sollte auch ausschließlich mit Mitteln des 13. Jahrhunderts gebaut werden. Er hatte das Gefühl, dass nur im Entstehungsprozess diese ganzen Detailfragen wirklich beantwortet werden können, nämlich indem man den zu lösenden Problemen selbst gegenüber steht. Zusammen mit Maryline Martin, der zukünfigten Direktorin der Baustelle, gelang es ihm, hinreichend weitere Begeisterte um sich zu scharen. Er holte sich Spezialisten für alle erdenklichen Themen ins Boot: Architektur des 13. Jahrhunderts, Textilien des 13. Jahrhunderts, Töpferei im Mittelalter, Schmiede, Steinmetze, Historiker, Bauarchäologen – und das Projekt kam ins Rollen.

Zunächst ging es darum, einen idealen Standort für die Burg zu finden. Ein Steinbruch sollte in der Nähe sein, Lehm, Holz und Wasser. Die Wahl fiel auf ein Areal im Burgund, im Département Yonne, etwa 200 km von Paris entfernt. Die wenigen unverzichtbaren Materialien, die von weiter her kommen, können über Wasserwege dorthin transportiert werden. Dann brauchte es natürlich jede Menge Leute; Steinmetze, Zimmerleute, Bäcker, Maurer, Töpfer, Hilfskräfte – in der strukturschwachen Gegend war die Arbeitslosigkeit Ende der 1990er hoch, und so machte man sich mit dem Projekt durchaus beliebt. Und zu guter Letzt fehlte noch ein Setting. Für wen sollte die Burg gebaut werden, und wann sollte das fiktive Baujahr sein? Man einigte sich auf einen kleinen Feudalherren; kein Mitglied der Königsfamilie, das Projekt sollte ja nicht ausufern. Aber auch keinen armen Schlucker, denn es sollte ja auch den einen oder anderen Zierrat geben und nicht zu mickrig werden – die Familie, ein paar Bedienstete und eine Wachmannschaft; alles in allem wurden etwa 30 Bewohner veranschlagt, die diese Burg beherbergt haben könnte. Baubeginn sollte im Jahr 1228 sein, und der Name der Burg war: Guédelon.

Warum 1228? Wir befinden uns in Frankreich im Übergang von der Frühgotik zur Hochgotik. Es ist eine Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs; die Städte nehmen an Bedeutung zu und es herrscht überall eine rege Bautätigkeit, sowohl in Bezug auf sakrale und repräsentative Bauten als auch auf befestigte Anlagen. Die Gebäude wurden immer höher und prachtvoller, es wurde reichlich mit christlicher Symbolik gearbeitet, überall sah man plötzlich Kreuzrippengewölbe und Maßwerke.

„Paris - Notre Dame“ von Taxiarchos228 - Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY 3.0 über Wikimedia Commons.

Eines der berühmtesten Beispiele für gotische Architektur: „Paris – Notre Dame“ von Taxiarchos228Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY 3.0 über Wikimedia Commons.

Es ging aber nicht nur um Schönheit. Philipp II., der berühmte Widersacher des Engländers Richard Löwenherz, reformierte Frankreich von oben bis unten, dass es kaum noch wiederzuerkennen war. Neben all den anderen Bereichen, die ihren eigenen Artikel wert wären, hatte er sich also auch der Beschaffenheit von Befestigungsanlagen zugewandt. Es ging darum, dass Burgen nicht einfach nur an abgelegenen Orten auf hohen Bergen oder in tiefen Wäldern liegen sollten, sondern sie sollten allein aufgrund ihrer baulichen Eigenschaften möglichst gut passiv und aktiv verteidigt werden können, um mit der sich entwickelnden Belagerungstechnik standzuhalten. Hohe Schild- oder Mantelmauern sind ein wichtiges Element; außerdem ein Graben um die Anlage und eine Reihe Türme mit Schießscharten: Ein Turm stand an jeder Ecke der in etwa rechteckigen Anlage, zwei am Tor (in denen war auch die Wachmannschaft untergebracht), und dann gab es noch den Hauptturm, den Donjon, der neben seinen Verteidigungszwecken auch als Wohnturm diente. Eine Neuerung der Türme war ihre zylindrische Form: Beim Herausspähen gab es keinen toten Winkel, und außerdem konnten sie im Gegensatz zur früheren rechtwinkligen Bauweise weitaus besser Angriffen mit schweren Geschossen standhalten, das Trebuchet war nämlich schon erfunden und richtete an geraden Wänden schwere Schäden an.

Darüber hinaus waren die Außenmauern natürlich so dick wie möglich. Zugänge zur Anlage und vor allem zum Donjon waren schmal, sodass möglichst immer nur eine Person zur Zeit hindurchkonnte. Außerdem mussten sich potentielle Angreifer nach oben bewegen, während die Verteidiger schon oben waren und sozusagen alles werfen konnten, was sie hatten; eine deutlich günstigere Position.

„Burg Guedelon Plan Karte“ von Lencer - own work, used:Plan du château de Guédelon.svg by User:LeMorvandiauGuédelon – Bau einer Burg im 21. Jahrhundert (PDF), Thomas Bitterli-Waldvogel in Burgen und Schlösser 4/2006, S. 14-23. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

So baut man jetzt: „Burg Guedelon Plan Karte“ von Lencer – own work, used:Plan du château de Guédelon.svg by User:LeMorvandiauGuédelon – Bau einer Burg im 21. Jahrhundert (PDF), Thomas Bitterli-Waldvogel in Burgen und Schlösser 4/2006, S. 14-23. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

Alles in allem hatte sich also einiges verändert beim Burgenbau, und es erscheint plausibel, dass dies genau die richtige Geburtsstunde für ein Projekt wie Guédelon sein sollte. Die Finanzierung lief zunächst über Subventionen und Darlehen, aber mittlerweile trägt sich das Projekt selbst, denn von Beginn an ist es ein wichtiger Bestandteil der Idee gewesen, dass jederzeit Besucher willkommen sind. Touristen strömen mittlerweile zu Hunderttausenden in die kleine Gemeinde Trevigny, lassen sich über die Baustelle führen, schauen Schmied und Steinmetz über die Schulter und dürfen jederzeit Fragen stellen und sich alles erklären lassen. Dieser Aspekt hatte anfangs für viele einen unangenehmen Beigeschmack; dem Team wurde unterstellt, sie würden da eine Art Disneyland oder Mittelaltermarkt veranstalten, was mit seriöser Wissenschaft nichts zu tun hätte. Dem wird entgegen gehalten, dass es eine selbstverständliche Aufgabe von Wissenschaft sei, ihre Erkenntnisse zu popularisieren. Und außerdem steht die Finanzierung, ohne dass man sich Großsponsoren ins Boot holen muss, die eventuell Einfluss auf die Gestaltung nehmen könnten.

Seitdem bauen sie dort, immer in den Sommermonaten. Abgesehen von einzelnen Zugeständnissen an den Arbeitsschutz haben wir es mit einer mittelalterlichen Baustelle zu tun, die so authentisch organisiert ist, wie es nur irgendwie möglich ist (rein materiell natürlich – es gibt keine Leibeigenen, und wer krank wird muss keinen Aderlass über sich ergehen lassen). Die Kleidung ist mittelalterlich. Das Essen ist mittelalterlich. Alte Schaf- und Hühnerrassen laufen frei herum. Der Schmied muss mehrfach täglich Werkzeuge reparieren oder schärfen. Jedes Gewicht wird ausschließlich mit Muskelkraft und Seilzügen bewegt. Will man eine Wand bunt gestalten, muss man auch die Farbe selbst herstellen, und so weiter und so weiter.

Erkenntnisgewinn in der Archäologie geschieht meist durch die Untersuchung von Fundstätten und den Abgleich mit Quellenwissen. Die experimentelle Archäologie versucht, diese Erkenntnisse durch praktische Erfahrungen zu vertiefen. Eine absolute Sicherheit, dass das Leben sich im 13. Jahrhundert exakt so abgespielt hat, kann man dadurch natürlich nicht gewinnen; es bleibt gewissermaßen ein Indizienprozess. Manche Lernkurven, die die Guédelonesen allerdings durchlaufen haben, wirken so plausibel und einleuchtend, dass sehr wohl der Eindruck entsteht, mit dieser Baustelle können Wissenslücken geschlossen werden. Mehr dazu in Teil 2!

 

Etymologischer Fun Fact am Rande: Donjon ist in die englische Sprache als „dungeon“ eingegangen und hat hier also eine leichte Bedeutungsverschiebung von „Wohnturm“ zur „Kerker“ durchgemacht.
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Ein Gedanke zu „Guédelon – Party like it’s 1228 (1)

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