Der bucklige König vom Parkplatz (3): Isotope, Wein und eine verspätete Feier

Richard III. war unser allererstes Thema bei Skulptur kaputt und wurde in einer zweistündigen Sendung am Dienstag, den 02.06.2015 ausgestrahlt.

Man sollte nicht meinen, wieviel unsere Knochen auch noch Jahrhunderte später über unser Leben verraten. Zwar helfen sie uns weder dabei, herauszufinden, ob Richard III. nun seine Neffen umgebracht hat oder nicht, noch ob er wirklich die Worte „Ein Pferd, ein Pferd, mein Königreich für ein Pferd“ geäußert hat. Aber wir wissen jetzt, dass Könige offenbar mehr Fleisch zu sich nehmen als Dukes of Gloucester, und dass der junge Monarch entweder kräftig gefeiert hat oder allerhand Sorgen in Alkohol ertränken musste.

Wie um alles in der Welt finden wir so etwas heraus, wenn wir nichts haben als ein paar Knochen und Zähne?

Das Stichwort an dieser Stelle lautet Isotopenverhältnis. Wie wir alle irgendwann schon einmal gehört haben, existieren für die meisten chemischen Elemente mehrere verschiedene Isotope, die sich ausschließlich in der Anzahl der Neutronen im Atomkern unterscheiden. Haben zwei Isotope desselben Elements zum Beispiel einmal 6 und einmal 7 Neutronen, unterscheiden sie sich auch in der Atommasse um 1. Ansonsten verhalten sie sich chemisch so gut wie gleich – aber eben nur so gut wie.

Manche dieser Isotope sind instabil und zerfallen nach einiger Zeit wieder, wie zum Beispiel das berühmte 14C, das gerne zur Altersbestimmung herangezogen wird. Dabei handelt es sich um Kohlenstoffatome mit 8 Neutronen, während der traditionelle Kohlenstoff sich 12C nennt und nur über 6 Neutronen verfügt. Wir wollen an dieser Stelle mal nicht allzu tief darauf eingehen (vielleicht später einmal), wie diese Altersbestimmung genau funktioniert; in jedem Fall ist der Anteil des noch vorhandenen 14C am Gesamtkohlenstoff in der Probe entscheidend, und dieser lieferte für unser Skelett ein wahrscheinliches Todesdatum zwischen 1456 und 1530. Erwiesenermaßen ist Richard III. 1485 gestorben, da können wir also schonmal einen Haken dran setzen.

Der Mensch besteht nun aber nicht nur aus Kohlenstoff, sondern aus allerhand anderen Elementen. Diese nehmen wir aus unserer Umgebung auf, also vor allem über Atemluft, Nahrung und Getränke. Wie man sich an dieser Stelle vielleicht schon denken kann, lässt sich mit hinreichend genauen Untersuchungsmethoden durchaus feststellen, wie die Lebensumstände eines Menschen beschaffen waren: Du bist, was Du isst.

Beispiel Stickstoff: Stickstoff ist ein Element, das in jeder Aminosäure und in unserem Körper somit vor allem in Proteinen vorhanden ist. Das Isotopenverhältnis der beiden natürlich vorkommenden Stickstoffisotope, 14N und 15N, beträgt in der Atmosphäre etwa 273:1. Der Clou ist nun, dass 15N, der schwerere Stickstoff also, eine leicht höhere Wahrscheinlichkeit hat, in einer Zelle zu verweilen als 14N, der ein kleines bisschen schneller abgebaut wird. Im Laufe der Zeit reichert sich der schwere Stickstoff in der Nahrungskette also an, und zwar haben Pflanzenfresser bereits 3-5 Promille mehr 15N in sich als die Pflanzen, von denen sie sich ernähren. Wer sich von Pflanzenfressern ernährt, enthält wiederum weitere 3-5 Promille mehr; Lebewesen, die ausschließlich Fleischfresser verzehren, stünden nochmals darüber, und so weiter. Wenn wir also an einem Organismus stickstoffhaltiges Material untersuchen können, können wir feststellen, wie das Lebewesen sich ernährt hat. Man kann es auch so formulieren, dass der Anteil des schweren Stickstoffs mit der sogenannten Trophieebene (=trophic level) steigt.

„Trophiclevels“ von Thompsma - Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons

Trophiclevels“ von ThompsmaEigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons. Preisfrage: Wer enthält mehr 15N, das Eichhörnchen oder der Fuchs?

Und nicht nur das! Wenn ein Skelett so gut erhalten ist wie das von Richard III., kann sogar untersucht werden, inwiefern sich seine Ernährungsweise im Laufe seines Lebens entwickelt hat. Verglichen wurden Kollagen aus einem Backenzahn, einer Rippe und einem Oberschenkelknochen. Diese drei Körperteile unterscheiden sich eklatant in einer wichtigen Eigenschaft: Unsere Backenzähne sind irgendwann im frühen Grundschulalter fertig und werden danach nicht mehr großartig erneuert. Wer ähnlich schlechte Zähne hat wie ich, kann ein Lied davon singen. Im Gegensatz dazu wird der Oberschenkelknochen im Laufe unseres Lebens immer wieder repariert, und zwar natürlich mit dem Material, das gerade zur Verfügung steht. Etwa 15 Jahre dauert es, bis ein Oberschenkel komplett ersetzt wurde. Unser jetziger Oberschenkel kann uns also einen Überblick darüber liefern, wie wir uns in den vergangenen 15 Jahren ernährt haben. Rippen werden auch erneuert, und zwar viel schneller. Da sie im Verhältnis zum Volumen eine größere Oberfläche haben, als das beim Oberschenkel der Fall ist, dauert es nur ca. 3 Jahre, bis eine Rippe neu aufgebaut ist.

Ihr könnt Euch an dieser Stelle schon denken, worauf es hinausläuft: Mithilfe des Stickstoff-Isotopenverhältnisses können wir nicht nur herausfinden, ob sich Richard mehr von pflanzlichem oder tierischem Material ernährt hat, sondern auch, wie seine Ernährung als Kind, als Teenager/junger Erwachsener und als König ausgesehen hat. Und gerade beim Vergleich von Rippe und Oberschenkel kam also heraus, dass es in den letzten Jahren seines Lebens einen deutlichen 15N-Sprung nach oben gegeben hat. Es kam also mehr Fleisch auf den Tisch.

Was den Sauerstoff in unserer Körpersubstanz angeht, so gelangt dieser hauptsächlich über das, was wir den ganzen Tag über trinken, hinein. Auch hier werden wieder einige Informationen transportiert, denn das Sauerstoff-Isotopenverhältnis unseres Trinkwassers ist sehr spezifisch für unseren Aufenthaltsort. Zumindest zu Zeiten, in denen es noch hauptsächlich aus nahegelegenen Quellen stammte. Die Menge 18O im Vergleich zum häufigeren 16O wird unter anderem durch die Häufigkeit und Temperatur von Niederschlägen bestimmt sowie die Art der Mineralien, mit denen das Grundwasser in Kontakt getreten ist.

Die Sauerstoffisotope aus Richards Zahn verkündeten nun, dass er seine früheste Kindheit in einer Gegend mit vergleichsweise wenig Niederschlag in Mittel- bzw. Ostengland verbracht haben muss, dann aber irgendwann nach Westen gezogen ist (der Anteil an 18O stieg). Da können wir bedächtig nicken, denn es ist bekannt, dass er in Northhampshire geboren wurde, wenig später aber nach Ludlow Castle unweit von Wales umsiedelte.

„Samuel Scott - Ludlow Castle with Dinham Weir, from the South-West - Google Art Project“ von Samuel Scott - qwFBatgn5W2a_w at Google Cultural Institute, zoom level maximum. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons.

Samuel Scott – Ludlow Castle with Dinham Weir, from the South-West – Google Art Project“ von Samuel Scott qwFBatgn5W2a_w at Google Cultural Institute,. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons. Ludlow Castle ist nicht nur sehr schön gelegen – wer hier lebt, nimmt auch mehr 18O auf als anderswo in England.

 

In späteren Jahren, so das Sauerstoffverhältnis im Oberschenkel, begab sich Richard dann wieder in Richtung Osten. Auch das ist korrekt; er verbrachte seine zweite Lebenshälfte vorranging in London und Yorkshire. Nun kommt aber seine Rippe ins Spiel. Wo ein König sich aufhält, wissen wir in aller Regel. Falls er nicht einen Doppelgänger seine Arbeit machen lässt, um sich derweil irgendwo die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen, sind wohl kaum jemandes Bewegungen so gut dokumentiert wie die des amtierenden Monarchen; und somit rief es wohl erst einmal einiges Kopfschütteln hervor, was das Sauerstoff-Isotopenverhältnis über seine letzten Lebensjahre behauptete: Es war sogar noch mehr 18O vorhanden als in seiner Kindheit auf Ludlow Castle, und das passt nun wirklich überhaupt nicht zu dem, was wir sicher wissen – er war doch definitiv in Englands Osten unterwegs gewesen!

Wissenschaftler der Uni Leicester und des National Environment Research Council in Nottingham kamen allerdings auf eine sehr plausible Erklärung: Wenn der König statt des örtlichen Quellwassers lieber in rauen Mengen importierten Wein getrunken hätte, könnte das tatsächlich seine Sauerstoffwerte derart beeinflussen, dass sie uns auf eine völlig falsche Fährte führen. Sie zogen verschiedene französische Weine heran, analysierten diese in Bezug auf ihr 18O/16O-Verhältnis und kamen zu dem Schluss: Wenn Richard zum Ende seines Lebens hin etwa ein Viertel seines Getränkekonsums über Wein gedeckt hat, könnte das schon stimmen. Laut ihrer Veröffentlichung war dies das erste Mal, dass über Wein als mögliche Fehlerquelle in Sauerstoffisotopendaten in Erwägung gezogen wurde. Man kann also von Richard III. halten, was man will: Er hat auf jeden Fall dazu beigetragen, dass Geochemiker des 21. Jahrhunderts ihre Analysemethoden verfeinert haben, und welcher König kann das schon von sich sagen!

Das sind nur ein paar Beispiele für die vielen, vielen Analysen, die dieses Skelett über sich ergehen lassen musste. Mit sehr viel Geschick und Liebe zum Detail wurden sein Gesicht und seine Sprechweise rekonstruiert. Mit Hinblick auf seine Skoliose wurde darüber spekuliert, wie er sich wohl im Zweikampf bewiesen haben könnte – es wurde sogar ein junger Mensch mit ähnlichem Körperbau gefunden, der sich bereit erklärt hat, für eine Art Reenactment-Dokumentation von Channel 4 Reit- und Turnierunterricht zu nehmen. Irgendwann allerdings war alles untersucht, und Richard III. wurde ein zweites Mal begraben, diesmal unter sehr viel mehr Pomp, mit Live-Übertragung im britischen Fernsehen und allem, was so dazu gehört. Sein Verwandter Michael Ibsen, der von Beruf Möbeltischler ist, hat den Sarg beigesteuert, während ein anderer entfernter Cousin von ähnlicher Berühmtheit ein eigens verfasstes Gedicht vortrug. Das Grabmal wurde von der Richard III. Society finanziert, und als letzte Ruhestätte fiel die Wahl nach kurzer Kontroverse auf die Kathedrale von Leicester.

Dort liegt er nun also – Englands letzter mittelalterlicher König, der nur so kurz regierte und noch so lange nach seinem Tod die Gemüter erhitzt.

von Jeremy Polanski from Cuyahoga Falls, USA (King Richard III (1)) [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons

von Jeremy Polanski from Cuyahoga Falls, USA (King Richard III (1)) [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons. Da liegt er jetzt also, deutlich königlicher als vorher.

Wer sich weiter mit der faszinierenden Geschichte Richards, seiner Wiederentdeckung und der Kontroverse um seine mögliche Täterschaft im Zusammenhang mit den verschwundenen Prinzen beschäftigen möchte, dem sei vor allem die Website der Uni Leicester zum Greyfriars Project mit zahlreichen Bildern und Videos empfohlen. Channel 4 hat mehrere unterhaltsame Filme rund ums Thema gedreht; eine Übersicht findet ihr hier. Die gesammelten Erkenntnisse zur Isotopenanalyse stellt das NREC erfreulicherweise in einem open-access-Artikel im Journal of Archaeological Science zur Verfügung.

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