Der bucklige König vom Parkplatz (2): Die Ausgrabung

Richard III. war unser allererstes Thema bei Skulptur kaputt und wurde in einer zweistündigen Sendung am Dienstag, den 02.06.2015 ausgestrahlt.

Menschen haben die außergewöhnlichsten Hobbys. Die einen sammeln Kronkorken, die anderen züchten Vogelspinnen. Wieder andere spielen Radball und manche widmen ihre besten Jahre der Aufgabe, den Ruf eines mittelalterlichen Königs gerade zu rücken. Den Letztgenannten, der Richard III. Society, ist es zu einem guten Teil zu verdanken, dass 2012 ein ausgezeichnetes Jahr für die britische Archäologie wurde.

Der aufmerksame Hörer unserer Sendung (bzw. die aufmerksame Leserin dieses Blogs) weiß bereits, dass Richard nach der Schlacht von Bosworth Field bei den Franziskanermönchen (auch Grey Friars genannt) in Leicester bestattet wurde. Es gab zwar die Behauptung, bei der späteren Schließung des Klosters sei sein Leichnam ausgehoben und in den nächsten Fluss geworfen worden, aber die Indizien dafür waren dürftig. Ein lange Zeit als angeblicher Sarg Richards zur Schau gestellter Steinkasten, der in Leicester als lokale Sehenswürdigkeit diente, kann mittlerweile sicher als Fälschung ausgeschlossen werden, denn dieser Sarg stammte aus viel älterer Zeit. Außerdem lässt sich die Geschichte vom exhumierten König nur bis ins 17. Jahrhundert zurück verfolgen, ältere Quellen dafür scheint es nicht zu geben – da lag die englische Reformation allerdings auch schon wieder mindestens 60 Jahre zurück. Nichts genaues wusste man nicht, aber es bestand zumindest die Chance, dass Richard ganz einfach seit 527 Jahren friedlich in seinem Grab lag und sich sozusagen nur die Bebauung geändert hatte.

Altes Kartenmaterial war vorhanden, das eine ungefähre Vorstellung davon gab, wo unterhalb der modernen Stadt sich das Kloster befunden haben könnte. Die Uni Leicester hatte ein Interesse daran, Überreste dieses Klosters zu finden und das historische Wissen über die mittelalterliche Stadt zu vervollständigen, und die Richard-Enthusiasten, allen voran eine gewisse Philippa Langley, rührten kräftig die Werbetrommel dafür, nach der Ruhestätte des alten Königs zu suchen.

So weit so gut – ein buntes Team aus Expertinnen und Experten der Felder Archäologie, Knochenkunde, Genealogie, Geschichte und Genetik fand sich zusammen und ging das Projekt durchaus mit unterschiedlich ausgeprägtem Optimismus an, wie sie später eingestehen sollten. Niemand hätte im Traum damit gerechnet, was passieren sollte:

Tag 1 der Grabung. Man befindet sich auf einem Parkplatz in Leicester, in etwa dort, wo die Kirche des ehemaligen Klosters gelegen haben muss. Es ist eine Parklücke frei; diese ist mit einem „R“ markiert. Die einen werden von abergläubischen Gefühlen gepackt, die anderen zucken mit den Schultern und denken sich mehr oder weniger lakonisch „warum nicht gleich hier anfangen“. Und so begann die Ausgrabung also unter dem R. Wenig später wurde aus dieser allerersten Grube ein Skelett zutage gefördert. Es hatte einem Mann gehört, der zum Todeszeitpunkt zwischen 30 und 40 gewesen sein musste, etwa 1,73 m groß gewesen war und einige definitiv tödliche Hieb- und Stichwunden aufzuweisen hatte. Es fehlte ein ganzes Stück der Schädeldecke und einige der Wunden waren anscheinend erst nach Eintritt des Todes zugefügt worden. Und: Seine Wirbelsäule war um 80 ° verdreht; der Verstorbene wies offensichtlich eine deutliche Skoliose auf, was durchaus geeignet gewesen wäre, um von Zeitgenossen als „bucklig“ wahrgenommen zu werden. Das alles war schon fast zu gut, um wahr zu sein. Zu diesem Zeitpunkt war übrigens noch strittig, ob RIchard III. tatsächlich irgendwie geartete Rückenprobleme hatte oder ob ihm das nicht nur im Nachhinein angedichtet wurde.

skelett

Das Skelett aus Leicester, so wie es gefunden wurde. Aus: Buckley R et al. ‘The king in the car park’: new light on the death and burial of Richard III in the Grey Friars church, Leicester, in 1485. Antiquity 87(2013):519-538. CC BY 4.0

 

Die Grube selbst erweckte den Anschein, dass das Begräbnis des Toten ohne übertriebene Zeremonie stattgefunden hatte. Der Torso war leicht gestaucht; es wirkte, als sei das Grab etwas zu kurz für den Leichnam gewesen und dieser mit den Füßen zuerst hinabgelassen worden; es gab also keinen Sarg, und auch kein Leichentuch oder ähnliches.

Das Skelett wurde natürlich auf der Stelle geborgen und eingehenden Untersuchungen zugeführt. Oberste Priorität hatte es, die Identität des Toten festzustellen; darüber hinaus bestand aber auch einiges Interesse daran, mehr über das Leben Richards herauszufinden, so er es denn sein sollte. Man hoffte, dass es gelingen würde, zum einen noch hinreichend brauchbare DNA aus Knochen und Zähnen zu isolieren, die einen Abgleich mit heute lebenden Verwandten ermöglichen würden. Die DNA-Entnahme gelang problemlos, der junge Mann litt nicht unter Karies und die Knochen waren offenbar weitestgehend ungestört durch die Jahrhunderte gekommen.

Zwischen Richard III. und uns liegen allerdings 20 Generationen; außerdem wissen wir von keinen direkten Nachfahren. Zwar hatte er drei Kinder, aber nur zwei davon erreichten das Erwachsenenalter. Beide waren unehelich und haben, soweit bekannt, selbst keine Familien gegründet.

Völlig hoffnungslos war die Sache trotzdem nicht: Zum einen hatte Richard III. einen sehr produktiven Ururgroßonkel namens John of Gaunt, der seinen eigenen Artikel wert wäre; zum anderen gab es da noch seine Schwester Anne. Von beiden konnten mittels intensiver Stammbaumforschung noch heute lebende Nachkommen ausfindig gemacht werden, trotz einer besonderen Schwierigkeit: Nach so vielen Generationen sind die Aussichten auf Erfolg einer nachgewiesenen Verwandtschaft eigentlich nur dann gegeben, wenn wir es entweder mit einer Reihe rein weiblicher Nachkommen (von Anne) oder rein männlichen Nachkommen (von John of Gaunt) zu tun haben.

Der Grund ist der, dass der Durchschnittsmann über ein Y-Chromosom verfügt, welches mehr oder weniger mit dem identisch ist, das auch schon seit Vater gehabt hat, und davor dessen Vater, und so weiter. Selbst nach 20 Generationen sollte durchaus noch genügend Ähnlichkeit mit dem Ausgangsmann vorhanden sein. Ein zusätzlicher Vorteil ist natürlich, dass Männer in Europa in der Regel ihren Nachnamen immer behalten haben, allgemein besser dokumentiert sind als Frauen und auch nicht z.B. an Hunderte Kilometer entfernte Höfe wegverheiratet wurden. Den eklatanten Nachteil, den es hat, die männliche Linie zu verfolgen, werden wir gleich noch sehen.

Wenden wir uns hingegen einer Reihe aus voneinander abstammenden Frauen zu, können wir prima die sogenannte mitochondriale DNA betrachten. Diese befindet sich, wie der Name schon sagt, in den Mitochondrien unserer Zellen, welche unter anderem zentral für unseren Energiestoffwechsel sind und ihre völlig eigenen Erbinformationen haben, die mit dem Rest von uns rein gar nichts zu tun haben. Diese DNA gelangt immer über die Eizelle in den neuen kleinen Menschen, wir erhalten sie also von unserer Mutter. Das bedeutet, dass Richard und Anne dieselbe mitochondriale DNA hatten und es deshalb problemlos möglich ist, die Nachfahren seiner Schwester für einen DNA-Abgleich heranzuziehen – vorausgesetzt, dass es in jeder Generation mindestens eine Tochter gibt.

stammbaum

Genealogische Beziehung zwischen Richard III. und seinen heute lebenden Verwandten, die sich für den DNA-Abgleich bereit gefunden hatten. Aus: King, TE et al Identification of the remains of King Richard III. Nat. Commun. 5:5631. CC BY 4.0

Die Suche war erfolgreich: Es konnten zwei direkte Nachfahren aus weiblicher Linie von Anne sowie fünf männliche Nachfahren von John of Gaunt ausfindig gemacht werden. Es offenbarte sich allerdings der Nachteil der männlichen Linie: Obwohl anhand von Aufzeichnungen, Stammbäumen etc. zweifelsfrei feststand, dass es sich bei den fünf Herren um Nachkommen des Henry Somerset, Duke of Beaufort, handelte, behauptete der DNA-Test das Gegenteil. Vaterschaft ist eben manchmal nicht ganz so sicher wie Mutterschaft, und bei so vielen Generationen kann es halt schonmal passieren, dass irgendein Klavierlehrer charmanter war als der Ehemann.

Die Mitochondrien allerdings, die Wendy Duldig und Michael Ibsen, ihres Zeichens Nachkommen von Anne of York, ihr Eigen nennen, sind aus dem gleichen Holz geschnitzt wie die des Parkplatzskeletts. Gleichzeitig wurde ein Datensatz von mehreren Tausend anderer europäischer Mitochondrien zum Vergleich herangezogen, um die Möglichkeit einer zufälligen Verwandtschaft auszuschließen. Hierbei kam es zu keinerlei Übereinstimmung, deshalb wird mittlerweile als gesichert angenommen, dass es sich bei dem Skelett von Leicester tatsächlich um Richard III. handelt. Ein großer Augenblick für die Richard III. Society, und natürlich für das ganze Forschungsteam.

 

Was die Knochen uns noch über Richards Leben verraten konnten und wie es mit seinem Leichnam weiter ging, könnt ihr in Kürze in Teil 3 lesen!

 

Für alle, die gern weiter in die Tiefe gehen wollen: Zwei sehr interessante Fachartikel zur Ausgrabung und Abstammungsforschung sind erfreulicherweise open access verfügbar:

King, TE et al Identification of the remains of King Richard III. Nat. Commun. 5:5631

Buckley R et al. ‘The king in the car park’: new light on the death and burial of Richard III in the Grey Friars church, Leicester, in 1485. Antiquity 87(2013):519-538

Außerdem sehr informativ ist die Website der Uni Leicester zum Greyfriars Project mit zahlreichen Bildern und Videos.
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7 Gedanken zu „Der bucklige König vom Parkplatz (2): Die Ausgrabung

  1. Møni

    äh, Hi Nora, ich muss mal kurz etwas mit meinem uralt-gravatar-account testen. Habe nun eigentlich meinen Benutzernamen plus Icon geändert, aber es scheint nicht funktioniert zu haben … oder doch?

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  2. Møni

    auf jeden Fall ein fulminant gewählter Einstieg in die Skulptur kaputt-Reihe 🙂

    Den Link zur Doku sichere ich mir mal … für einen der kommenden langdunklen Winterabende

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