Der bucklige König vom Parkplatz (1): Präludium

Richard III. war unser allererstes Thema bei Skulptur kaputt und wurde in einer zweistündigen Sendung am Dienstag, den 02.06.2015 ausgestrahlt.

Er war praktisch von frühester Kindheit an im Krieg, galt lange als verschollen und wurde über 500 Jahre nach seinem Tod ausgerechnet unter einer freien Parklücke in Leicester wiedergefunden – Englands vielleicht berühmtester Finsterling, König Richard III. Shakespeare hat aus ihm eine seiner unsympathischsten Dramengestalten gemacht; in zahlreichen Romanen und Verfilmungen wurde er mal als rücksichtsloser Mörder, mal als missverstandener Held und Opfer von posthumer Tudor-Propaganda dargestellt. Wie auch immer man dazu Position beziehen mag; ein friedliches Leben hatte er sicher nicht.

Richard_III_earliest_surviving_portrait

um 1520 gemaltes Portrait von Richard III. nach verschollenem Original. Künstler: unbekannt. Public domain.

Richard wurde 1452 als jüngster Sohn des damaligen Duke of York, Richard Plantagenet, geboren. Kurz darauf begann die Zeit der Rosenkriege – die Häuser York und Lancaster kämpften erbittert um ihre Ansprüche auf den englischen Thron, auf dem seit mehreren Jahrzehnten der Lancaster-König Henry VI. Platz genommen hatte.

Der Duke of York starb 1460 in der Schlacht von Wakefields Green, aber schon wenige Monate später wendete sich das Blatt, die Lancastrianer hatten einige Niederlagen einzustecken, und Richards ältester Bruder wurde als Edward IV. zum König gekrönt.

Danach ging es noch mehrere Male hin und her – wir wollen uns hier gar nicht allzu sehr im Detail der Geschichte verlieren, zumal gerade diese Zeit ausgesprochen ereignisreich war. Die Tatsache, dass mehrere einflussreiche Figuren öfter ihre Loyalitäten überdachten und mal für die eine, mal für die andere Seite kämpften und intrigierten,  macht es nicht unbedingt übersichtlicher. Wir überspringen also ein paar Jahrzehnte und gelangen zum Jahr 1483. Edward IV., gerade 40 Jahre alt, wurde plötzlich schwer krank, starb nach wenigen Tagen und hinterließ zwei minderjährige Söhne. Auch diese hießen leider Edward und Richard – der eine war zu diesem Zeitpunkt 12, der andere 10.

Ein zwölfjähriger König ist zwar nicht gerade das beste, was einem ohnehin schon instabilen Land passieren kann, aber man kannte so etwas in England schon und war entsprechend vorbereitet: Der Lord Protector sollte bis zur Regierungsfähigkeit des Jungen die Regierungsgeschäfte führen und wurde dabei von einem sogenannten Kronrat, dem Privy Council, beraten. Das Amt des Lord Protectors hatte nun niemand anderes inne als „unser“ Richard, damals noch Duke of Gloucester, der Onkel der beiden Prinzen. Er war außerdem als Vormund für ihre Erziehung zuständig. Er muss ein gutes Verhältnis zu Edward IV. gehabt haben, denn dieser war es, der die Arrangements vor seinem Tod verfügt hatte. Auch hatte sich der jüngere Bruder des Königs bereits einen Namen gemacht, indem er mehrere wichtige Schlachten für ihn gewonnen hatte; es gab jedenfalls zu diesem Zeitpunkt keinen Zweifel an seiner Loyalität.

Trotzdem sollte das alles nicht lange gut gehen: Ende April kamen die Jungs in Richards Obhut in London, und kurze Zeit später kochte die Gerüchteküche über: Der verstorbene Edward IV. sei vor seiner Heirat mit Elizabeth Woodville bereits verlobt gewesen und die Ehe deshalb nichtig. Das hätte auch bedeutet, dass ihre gemeinsamen Kinder illegitim waren – infolgedessen mehrten sich die Stimmen, die Edwards Eignung zum Monarchen infragestellten. Rein zufällig war der nächste in der Thronfolge der letzte verliebene Bruder des Königs, nämlich Richard.

„Princes“ von John Everett Millais - http://allart.biz/photos/image/John_Everett_Millais_73_The_Princes_in_the_Tower.html. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Princes.jpg#/media/File:Princes.jpg

„Princes“ von John Everett Millais von 1878. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons

 

Es gab einiges an öffentlichem Hickhack zu der Thematik, und am 6. Juli 1483 wurde Richard III. dann auch zum König gekrönt; seine Neffen blieben in London und sind als „Prinzen im Tower“ in die Geschichte eingegangen. Kurze Zeit später waren sie allerdings verschwunden – nach 1483 hat sie nie wieder jemand lebend gesehen. Nicht wenige waren damals und sind bis heute der Ansicht, dass der König sie hat umbringen lassen, damit seine Herrschaft nicht irgendwann später von Anhängern des jungen Edward V. wieder angefochten würde. Nachgewiesen wurde es ihm freilich nicht, und so bleibt uns nur die Spekulation. Nicht einmal der Tod der Kinder war gesichert, da auch ihre Leichen niemals auftauchten. Im 17. Jahrhundert wurden allerdings bei Bauarbeiten im Tower zwei Kinderskelette gefunden, deren Größe in etwa zum Alter der Prinzen zum Zeitpunkt ihres Verschwindens passten. Genauere Analysen, wie zum Beispiel eine Radiokarbondatierung oder eine DNA-Analyse, sind an diesen Skeletten allerdings bislang nicht efolgt; derzeit liegen sie in der Westminster Abbey begraben. Auch in der Kapelle von Windsor Castle gibt es zwei Särge, die bislang unidentifiziert sind – um diese zu öffnen, bedarf es allerdings des Einverständnisses der aktuellen Monarchin von Großbritannien, welches nicht vorliegt.

Zurück zu Richard! Ihm war keine lange Herrschaft vergönnt – mittlerweile war ein weiterer Thronanwärter auf den Plan getreten, nämlich Henry Tudor. Er führte seine Truppen in der Schlacht von Bosworth Field gegen Richard, der bei diesem Ereignis unterlag und der letzte englische König sein sollte, der auf dem Schlachtfeld starb. Damit endeten die Rosenkriege, und offiziell auch das Mittelalter in England.

Die Sitten waren rau: Nicht nur wurde Richard geradezu dahingemetzelt, auch sein Leichnam wurde hinterher noch mehrere Tage öffentlich zur Schau gestellt und bei der Gelegenheit wahrscheinlich auch noch weiter verstümmelt. Ohne große Zeremonie wurde er dann im nahegelegenen Grey Friars‘ Kloster in Leicester verscharrt.

Man wusste also sehr wohl, wo Richard einmal bestattet worden war – das Problem ist nur, dass es dieses Kloster schon lange nicht mehr gibt. Ein anderer Tudor-König, nämlich Henry VIII., brach bekanntermaßen Anfang des 16. Jahrhunderts mit der katholischen Kirche, was zur Schließung oder Umwidmung zahlreicher Klöster führte, so auch der Grey Friars. Lange Zeit war man der Ansicht, dass im Zuge dieser Aktion Richards Leiche ausgegraben und in einen Fluss geworfen wurde, um ihm gewissermaßen ein letztes Mal die gebührende Verachtung zu zollen.

Soweit ein kurzer Abriss der Geschichte – dies ist eigentlich alles nur Vorgeplänkel, denn in Teil 2 wollen wir zum eigentlich spannenden Teil kommen: Der sensationellen Geschichte, wie Richard wiedergefunden wurde und was wir all die Jahrhunderte nach seinem Tod noch von ihm lernen konnten. Stay tuned!

 

Wer ab und zu gerne mal einen historischen Roman liest, dem sei an dieser Stelle The Sunne in Splendour von Sharon Kay Penman empfohlen, das zur Zeit der Rosenkriege spielt. Sie ergreift darin eher Partei für Richard III., woraus sie auch keinen Hehl macht. Spannend ist das Buch jedenfalls allemal, und gilt auch als vergleichsweise gut recherchiert.

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