Morgen, 16.11. bei Radio Blau: Bis ans Ende der Welt!

Polynesien liegt sehr weit weg, praktisch egal von wo man guckt. Umso erstaunlicher ist es, dass die verstreuten Inseln im Pazifik schon sehr, sehr lange besiedelt sind; mindestens seit 3000 Jahren, wahrscheinlich schon viel länger. Weitgehende Uneinigkeit scheint allerdings darüber zu herrschen, wo die Menschen herkamen, die als erstes die Vorzüge von blauen Lagunen und Ukulelenmusik für sich entdeckt haben. Kamen sie aus Neuguinea und betrieben eine Art Inselhopping?  Kamen sie aus Amerika und überließen sich für mehrere Monate der Strömung, ohne auch nur ahnen zu können, ob jemals wieder Land in Sicht sein würde? Waren es gewiefte Seefahrer vom asiatischen Kontinent? Linguistik, Keramik, Pflanzen und Windrichtungen geben zwar jedes seine Hinweise, aber eigentlich schreien sie alle durcheinander und wollen nicht so recht zusammenpassen. Lars und ich gucken uns das morgen mal an, also raus aus der Kälte und – wenigstens in Gedanken – ab in die Südsee!

Ozeanien. Wer da ist, ist sehr weit weg. Manchmal ist das bestimmt gar nicht so schlecht.

Noch ein paar Tausend Kilometer von Australien aus in See gestochen, und wir sind in Polynesien. Wer da ist, ist sehr weit weg. Manchmal ist das bestimmt gar nicht so schlecht. Karte geklaut bei den Wikimedia Commons.

Guédelon (2): Massen und Messen

Es ist schon ein Weilchen her, dass wir im Radio über Guédelon gesprochen haben. Währenddessen ging es auf dieser Baustelle aber voran: Langsam, aber stetig wachsen die Mauern, werden die Innenräume dekoriert und nähert sich die Burg ihrer Fertigstellung, die für das Jahr 2023 geplant ist.

Dass so ein Burgbau lange dauert und schwierig ist, liegt auf der Hand. Wie er sich aber zu gotischen Zeiten ganz genau abgespielt hat, kann man sich wohl kaum vorstellen, wenn man nicht selbst dabei war; genau das ist die Motivation hinter dem ganzen Projekt. Am Anfang stand die Frage „Wie haben die das gemacht?“ Und da man niemanden mehr fragen kann, der vor 800 Jahren dabei war, ist eine mögliche Antwort eben: „Probieren wir es aus!“

Seit Beginn der Bauarbeiten waren Besucherinnen in Guédelon willkommen. Wer das abgelegene Handwerkerdörfchen, das sich um die Baustelle gebildet hat, findet, kann es zu den Öffnungszeiten betreten, sich in aller Ruhe umsehen, den Handwerkern über die Schulter schauen und sich ihr Tun erklären lassen. Zwei unserer treuesten Hörer* sind in diesem Sommer dort gewesen und haben mir freundlicherweise allerhand Mitbringsel sowie tonnenweise Bild- und Videomaterial überlassen, um es auf diesem Blog zu veröffentlichen. Es könnte also sein, dass das Thema Guédelon hier noch sehr viel Raum einnehmen wird.

Heute geht es mir vor allem um zwei Hilfsmittel, die wohl auf jeder mittelalterlichen Burgbaustelle eine Rolle gespielt haben dürften. Zwei Schwierigkeiten galt es zu überwinden: Schwierigkeit 1: Die Materialien mussten irgendwie transportiert werden, und zwar nicht nur in der Horizontalen, sondern auch in der Vertikalen, sprich von hinten nach vorne und dann auch noch nach oben. Schwierigkeit 2: Auch wenn man es mit schweren Steinklötzen zu tun hat, sollte man möglichst exakt arbeiten, denn auch noch so dicke Mauern helfen nicht weiter, wenn sie krumm und schief sind und sich keine Tür einpassen lässt.

Nun gab es weder Lastenaufzüge noch Dieselmotoren, aber ein paar Grundsätze der Mechanik waren schon bekannt. Bereits in der Antike hatte es Flaschenzüge und Krane gegeben, und zur Zeit des Hochmittelalters erfuhren diese alten Hilfsmittel eine Wiedergeburt. Allgegenwärtig: Treträder. In so einem Tretrad zu laufen war nicht nur anstrengend, sondern durchaus auch gefährlich: Man stelle sich nur einmal vor, man stolpert in so einem Rad, gerät mit dem Arm zwischen zwei Querstreben und wird wegen der Trägheit noch ein Stück weiter gedreht**. Um den Lauf des Rades möglichst unter Kontrolle zu halten und nach Wunsch anzuhalten bzw. loslaufen zu lassen, konnte es immerhin von außen mit einer Bremse gestoppt werden.

Darüber hinaus ist das Seil, an dem die Last befestigt ist, nicht weiter geführt, wie man im Video sehen kann. Zu schnell darf die Beförderung nach oben also auch deshalb nicht gehen, damit keine unkontrollierten Schwingungen oder Rotationen auftreten, wodurch das Transportgut benachbarte Konstruktionen beschädigen oder sogar Menschen verletzten könnte.

Nun haben wir also unseren Steinbrocken glücklich nach oben gebracht. Vielleicht wollen wir jetzt eine neue Mauer anfangen, die im rechten Winkel zu einer anderen Mauer stehen soll. Wie das? Die gotischen Arbeiter gucken sich um und stellen traurig fest, dass sie kein Winkelmaß und keine fancy Lasertools zur Verfügung haben. Anstatt sich hinzusetzen und darauf zu warten, dass beides erfunden wird, wissen sie sich aber zu helfen: Sie nehmen eine Schnur und machen 12 Knoten hinein.

Dies ist nicht einfach nur ein Strick mit Knoten. Es ist ein Strick mit 12 Knoten, deren Abstände zueinander exakt gleich sind. 12=3+4+5, woran erinnert uns das?

Dies ist nicht einfach nur ein Strick mit Knoten. Es ist ein Strick mit 12 Knoten, deren Abstände zueinander exakt gleich sind. 12=3+4+5, könnte das irgendwie von Nutzen sein?

Dabei handelt es sich nicht um ein heidnisches Ritual, das den Winkelgott gnädig stimmen soll, sondern um eine Anwendung des uralten Prinzips: Hast Du ein geometrisches Problem, teil es in Dreiecke auf.

Spätestens seit 2500 Jahren, wahrscheinlich schon länger, weiß die Menschheit, dass jedes rechtwinklige Dreieck folgende Eigenschaft hat: Addiere ich die Kathetenquadrate, erhalte ich das Hypotenusenquadrat. Pythagoras soll als erster den Beweis für diesen Zusammenhang erbracht haben, und deshalb heißt der jetzt auch Satz des Pythagoras.

Ein rechtwinkliges Dreieck. Die Seitenlängen von Kathete, noch ner Kathete und Hypotenuse entsprechen exakt dem Verhältnis 3:4:5

Ein rechtwinkliges Dreieck. Die Seitenlängen von Kathete, noch ner Kathete und Hypotenuse entsprechen exakt dem Verhältnis 3:4:5

Klingt kompliziert, ist es aber nicht. Angenommen, ich habe ein rechtwinkliges Dreieck, von dem ich weiß, dass die beiden Seitenlängen, die den rechten Winkel einschließen, 3 m und 4 m sind. Aus irgendeinem Grund will ich aber wissen, wie lang genau die gegenüberliegende Seite ist. Vielleicht möchte ich eine schräge Trennwand in ein Zimmer einziehen und kenne nur die Länge der bereits vorhandenen Wände, aber nicht die Strecke von Ecke zu Ecke. Diese Strecke kann ich aber einfach  ausrechnen: 3²+4² = 9 + 16 = 25, daraus die Wurzel sind 5, die Hypotenuse ist also 5 m lang.

Das funktioniert natürlich auch andersherum! Wenn ich ein Dreieck bauen will, bei dem ich mir sicher bin, dass einer seiner Winkel exakt 90° entspricht, dann wähle ich eben Seitenlängen, die den Satz des Pythagoras erfüllen. Und damit mein Dreieck schön handlich ist und in jede Jackentasche passt, mache ich es einrollbar. Eine Schnur mit 3+4+5=12 Knoten!

Tada! Und wieder hatte Pythagoras recht: 3²+4²=5². Ein untadeliger rechter Winkel.

Tada!  3²+4²=5². Ein untadeliger rechter Winkel.

Das Grundprinzip findet noch heute Anwendung, auch wenn keine Knotenschnüre mehr verwendet werden, sondern Maßbänder, Gliedermaßstäbe und für längere Strecken eben auch fancy Lasertools. Die machen das Messen einfacher, aber unmöglich war es auch im Mittelalter nicht. Nur umständlicher. Wie zuverlässig solche einfachen Methoden funktionieren, beweist die simple Tatsache, wie weit das Projekt seit 1997 schon gediehen ist…

halle

 


Für alle Bilder in diesem Artikel gilt: Creative Commons Lizenzvertrag
Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz.

*Die auf ihre explizite Nennung ausdrücklich verzichten wollen. Es sei soviel gesagt: Vielleicht sind sie eng mit mir verwandt, und vielleicht sind sie etwa 30 Jahre älter als ich.
**Das Szenario, das ich mir in der ersten Fassung des Artikels überlegt hatte, war ein wenig unrealistisch, daher hier ein etwas entschärfter Arbeitsunfall.

Das Crossrail-Projekt (1): Ein Tunnel durch 2000 Jahre London

Eine Stunde Radiosendung zu bestreiten kann manchmal viel schwieriger sein, als es drei Stunden wären. So ähnlich ging es uns bei unserer letzten Sendung am 19.10.: So viel Material, was lässt man da weg?

„So viel Material“, das sind im Wortsinn sagenhafte 5 Millionen Tonnen Abraum. Diese fallen derzeit in London an, wo ein sehr ehrgeiziges Bauprojekt durchgeführt wird*, nämlich eine Bahnverbindung von Reading im Westen bis Shenfield im Osten: Das Crossrail-Projekt, mittlerweile auch Elizabeth Line genannt. Das Besondere daran: Unter der Stadt London muss dafür ein neuer Tunnel gebohrt werden, und zwar bis zu 40 Meter tief. Zusätzlich entstehen fünf neue unterirdische Bahnhöfe.

Ein historisches Gebäude musste der neuen Bahnlinie weichen: Hier stand das Astoria Theater.

Ein historisches Gebäude musste der neuen Bahnlinie weichen: Hier stand das London Astoria Theatre. Geklaut von carlbob auf Flickr. CC BY-SA 2.0

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Pestilenz und Römerstraßen: Der Londoner Untergrund wird aufgewühlt

Morgen, 20:00 auf Radio Blau: Wir begeben uns durch einen Tunnel, der gerade in London neu entsteht. Wer 40 Meter tief gräbt, kommt unterwegs an 2000 Jahren spannender Geschichte vorbei – und an jeder Menge Schädel, wie sich herausgestellt hat. Wie die medizinische Forschung von Parkplatzmangel profitiert und warum ein unterirdischer Bach dazu beiträgt, eine keltische Königin von jeglicher Schuld freizusprechen; das alles hört ihr, wenn ihr mögt, morgen Abend bei Skulptur kaputt.

In 5 Millionen Tonnen Abraum findet sich so mancher historische Schatz. Crossrail construction, Tenterden Street von Stephen Richards, CC BY-SA 2.0

In 5 Millionen Tonnen Abraum findet sich so mancher historische Schatz. Crossrail construction, Tenterden Street von Stephen Richards, CC BY-SA 2.0

Alter Wein in alten Schläuchen! Morgen, 20:00 bei Radio Blau

Der Herbst ist zwar doch noch nicht da (yay!), aber wir widmen uns morgen Abend trotzdem einem typischen Herbstthema, nämlich der Herstellung von Wein! (Doppel-yay!)

So oder so ähnlich verbringt man schon seit 7000 Jahren die Zeit nach der Ernte.

So oder so ähnlich verbringt man schon seit 7000 Jahren die Zeit nach der Ernte.

Wein gibt es vermutlich schon länger als die Schrift und sogar das Rad; wo er ursprünglich herkommt, was Cato der Ältere damit zu tun hat und warum wir griechischen Wein aus der Antike heute vermutlich nicht gerne trinken würden – das alles erötern wir morgen. Wie immer werden dazu erlesene Musikproben gereicht.

Skulptur Kaputt: jetzt auch mit Playlist!

Wie Lars es mal so schön ausdrückte, betreiben wir ja im Rahmen unserer Sendung auch ein bisschen Musikarchäologie, indem wir in den Tiefen unserer Fest- und Vinylplattenschränke graben. Das stößt erfreulicherweise immer wieder auf Gegenliebe und Leute interessieren sich für einzelne Stücke. Deshalb haben wir uns vorgenommen, die gespielte Musik in Zukunft etwas besser zu dokumentieren. Von nun ist unsere Playlist also nachzulesen, entweder in diesem Blog oder direkt auf der Seite von Radio Blau!

Tambourinist

 

Würmer, Rücken, Schwermetalle: Eine 2000 Jahre alte Krankenakte wird geschlossen.

Mumien sind gar keine Seltenheit. Prinzipiell versteht man darunter erst einmal einen toten Körper, dessen Zerfall aus irgendwelchen Gründen stark verzögert ist. Das kann durch gezielte Maßnahmen herbeigeführt werden oder einfach aufgrund der Umweltbedingungen passieren. Wer wie ich eher ländlich aufgewachsen ist und seine Kindheit zu großen Teilen im Wald verbracht hat, wird mehr als einmal auf einen vertrockneten Frosch oder ähnliches gestoßen sein. Auch Mammuts im Permafrostboden oder wie gegerbtes Leder aussehende Moorleichen sind Beispiele für Mumifizierung, die sich einfach so ergibt.

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