Bienvenido a la jungla!*

Der Amazonas-Regenwald ist bekanntermaßen sehr groß, sehr gefährlich und sehr gefährdet. Allerdings ist er keineswegs so homogen und „wild“, wie man ihn sich landläufig vorstellen mag. Viele Jahrhunderte vor Ankunft der Europäer lebten dort bereits Menschen, die sehr unterschiedliche Sprachen und Lebensweisen pflegten. Leider hat, soweit wir wissen, niemand von ihnen etwas aufgeschrieben. Reiseberichte der Conquistadores lesen sich zwar spannend, sind aber erstens aus eher unfriedlicher Perspektive verfasst und zweitens wahrscheinlich von eingeschränkter wissenschaftlicher Zuverlässigkeit.

Wenn das mal stimmt: Ulrich Schmidel will im 16. Jahrhundert diese Riesenschlangen im Fluss Parana vorgefunden haben (Reisebericht).

Wer also mehr über die alten Kulturen im zweitgrößten Wald der Welt erfahren möchte, muss sich auf mündliche Überlieferungen berufen oder aber auf die Suche nach handfesten Spuren machen. Wir versuchen uns man dran, das Ergebnis ist dem Gegenstand entsprechend wahscheinlich eher anekdotisch als linear. Seid dabei, heute um 20:00 auf Radio Blau, mit Skulptur kaputt erstmals in Südamerika!

*Oder: Bem-vindo à selva, je nach dem, in welchem der Anrainerstaaten man sich befindet. Wer „Willkommen im Dschungel“ auf Kayapo oder Tupi sagen kann, melde sich bitte mal, damit ich das ergänzen kann!

Mehr als die Summe seiner Tesserae*

Schwer zu sagen, wann der erste Mensch auf die grandiose Idee kam, aus einem Sack Steinchen oder Glasböppel ein Bild zu schaffen. Ganz groß wurde diese Kunst spätestens in der römischen Antike, und seitdem ist sie aus Tempeln und Kirchen, Palästen und dem Niedersachsenstadion nicht mehr wegzudenken: Es geht um das mosaicum opus, das „Werk für die Musen“, das Mosaik also. Glaubt man der Wikipedia, gibt es Mosaiken schon länger als den modernen Menschen, nämlich seit fast 400.000 Jahren. Das ist jetzt vielleicht ein bisschen übertrieben. Ohne Frage ist es spektakulär, dass auch Homo Erectus schon gepflasterte Plätze kannte, aber die Qualität etwa der Darstellung von Kaiserin Theodora oder der Innenhöfe von Herculaneum wurde von den Urthüringern wohl noch nicht so ganz erreicht.

Mosaike überall! In Rom lohnt es sich, öfter mal auf den Fußboden zu gucken. Sowas hier zählt da zu den kleinsten Übungen und wird nirgends weiter erwähnt.

Mosaike überall! In Rom lohnt es sich, öfter mal auf den Fußboden zu gucken. Sowas hier zählt da zu den kleinsten Übungen und wird gar nicht weiter erwähnt.

Trotzdem gut, dass sie einmal damit angefangen haben, denn in ihrer langen Geschichte hat die Darstellungsform Mosaik eine unglaubliche Vielfalt an Größen, Formen, Farben, Materialien, Stilen und Anwendungsbereichen entwickelt. Das Schöne an Mosaiken ist dabei nicht nur, dass sie eben schön sind, sondern auch, dass sie recht häufig aus dauerhaften Materialien gefertigt wurden, deren Farbe auch nach Jahrhunderten noch strahlt, selbst wenn sie auf dem Boden lagen. Wir wollen morgen abend (Mittwoch, 8.2., wie immer um 20:00 auf Radio Blau) mal versuchen, uns der Geschichte des Mosaiks und der dafür verwendeten Materialien zu widmen und das eine oder andere besonders erwähnenswerte Exemplar zu besprechen. Seid dabei!

 

*Nicht zu verwechseln mit dem Tesserakt!
Heißt es jetzt „die Mosaike“ oder „die Mosaiken“? Ich kann mich nicht entscheiden. Familie Duden erlaubt beides.

Walks on the Wild Side: Ein Industrieller erforscht die Armut

Schreibt ein Sozialist in einer Zeitung: 25 % unserer Stadtbevölkerung leben in Armut. Antwortet ein Konservativer: Glaub ich nicht. Ich untersuche das selbst. Der Sozialist: Bitte, mach doch. Find ich prima. Einige Jahre später: Der Konservative ist mit seinen Forschungen fertig und korrigiert die Zahl auf 30 %!  Dafür würdigt ihn ersterer in seiner später erscheinenden Autobiographie für seine Verdienste. Unvorstellbar? Genauso ist es geschehen gegen Ende der Zeit von Königin Victoria in London, und damit sollte einiges losgetreten werden; zum einen politisch, aber nicht zuletzt erhielt auch die Methodik der empirischen Sozialforschung einige wertvolle Inputs.

We arrived at the conclusion that no fewer than 25 per cent of the workers of the metropolis were in receipt of weekly wages upon which it was quite impossible for them to live […] in such wise as to keep themselves […] from slow but sure physical deterioration. […] One day, however, Mr. Charles Booth […] came to our house […]. He told me plainly that in his opinion we had grossly overstated the case. He admitted there was great poverty in the metropolis along the workers, but he maintained that to say that there were no fewer than 25 per cent who existed below the line of reasonable subsistene was to make a statement which could not possibly be substantiated over the whole area. […] then he told me that he himself intended to make, at his own expense, an elaborate inquiry into the condition of the workers of London: the wages they received and the amount of sustenance they could obtain […], he being quite certain he would prove us to be wrong. […] But what was the result of Mr. Booth’s historic investiation, which has rightly gained for him international recognition abroad and very high honours at home? […] It appeared that instead of 25 per cent of the working class [..], 30 per cent and more were sunk in this slough of economic and social despond.*

Bei den beiden Herren handelte es sich um den Autor Henry Hyndman und den Industriellen Charles Booth, beide politisch aktiv und auf ihre Weise sehr interessiert am sozialen Gefüge ihrer Stadt und getrieben vom Wunsch, dieses nicht nur zu erforschen, sondern auch zum Besseren zu wenden. Beiden, vor allem aber dem konservativen Booth, verdienen wir sehr detaillierte Aufzeichnungen über das Leben im ausgehenden viktorianischen Zeitalter. Er nahm seine selbst gestellte Aufgabe sehr ernst: Zwischen 1886 und 1903 verbrachten er, seine Frau und mehrere Assistenten, die eigens dafür eingestellt wurden, einen Großteil ihrer Zeit damit, die Londoner Stadtviertel zu durchstreifen und die Lebensverhältnisse der Menschen zu dokumentieren. Dafür begleiteten sie Polizisten auf Streife, interviewten Fabrikbesitzer und Menschen auf der Straße, besuchten Schulen und Wohnhäuser. Zwischenergebnis: Einige Kilogramm Notizbücher. Endergebnis: Vier dicke Bücher namens „Life and Labour of the People in London„, erschienen zwischen 1889 und 1903. Darin betrachtete er nicht nur das Einkommen und Vermögen der Menschen, sondern auch ihre Arbeitsverhältnisse in der Industrie und das religiöse Leben. Alles in allem ein ziemlich umfassendes Werk.

limehouse

Booth’s „Poverty Map“ von London, im Ausschnitt zu sehen: Limehouse, das Thema unserer letzten Sendung. Rot markiert die Gegenden bitterer Armut, schwarz diejenigen, in denen alle Hoffnung verloren ist. Public Domain, Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der London School of Economics and Political Sciences.

Nun sammelte Booth nicht nur Daten, sondern führte auch eine gewisse Kategorisierung der sozialen Schichten ein. Das Ergebnis lässt sich heute noch in Form eines Stadtplans bestaunen, in dem er zahlreiche Straßenzüge farbig markiert hat, je nachdem, welche Bevölkerungsschicht dort seinen Beobachtungen vorherrschend war. Dafür verwendete er sieben Kategorieren: Von „Upper-middle and upper classes. Wealthy“ über „Mixed. Some comfortable others poor.“ bis hin zu „Lowest class. Vicious, semi-criminal.“ Da hatte es sich auch mit seiner Menschenfreundlichkeit; die von ihnen als bösartige Halbkriminelle eingestuften (die passend auch die Farbe Schwarz zugewiesen bekamen) hielt er für unverbesserlich und jegliche Hilfe an sie verschwendet. Die entsprechenden Karten sowie eingescannte Notizbücher kann man übrigens dankenswerterweise einsehen**, aber ich warne ausdrücklich davor. Ich bin stundenlang von dieser Website nicht mehr runtergekommen, nachdem ich sie einmal angeclickt hatte.

Immerhin, seine Studien sorgten tatsächlich für einige Verbesserungen. Vor allem die Probleme Alters- und Kinderarmut erhielten die Aufmerksamkeit, die ihnen zustand, und die Tatsache, dass Krankheit und Alter größere Armutsrisiken sind als Faulheit (ach!). Es kam zu einigen Reformen, so wurde zum Beispiel die Essensversorgung an Schulen sowie eine gesetzliche Rente eingeführt, und erste zaghafte Vorstöße in Richtung Arbeitsschutz. Ähnlich wie anderswo mögen diese Sozialreformen durchaus von Angst vor den aufstrebenden Sozialdemokraten getrieben worden sein. Aber man muss konstatieren, dass ein reicher, eher marktliberaler Mensch mit florierendem Geschäft nicht nur mit Sozialisten befreundet sein konnte, sondern auch eine ergebnisoffene Feldforschung betrieben hat, die dazu geführt hat, dass er seine Einstellung zu sozialen Verhältnissen und Gerechtigkeit öffentlich korrigierte. Verrückte Zeiten…

*Henry Mayers Hyndman: The Record of an Adventurous Life. The Macmillan Company, New York 1911, S. 303 ff.
**Die Bibliothek der London School of Economics and Political Science hat einfach alles online gestellt: Charles Booth’s London

Morgen, 11.1. bei Radio Blau: Limehouse Blues

Solche Tätigkeiten gabs auch.

Solche Tätigkeiten gabs auch. Aus „London Labour and the London Poor“ von Henry Hayfew, London 1861. Kann man dank der University of California hier durchlesen.

Was Queen Victoria wohl von Steampunk gehalten hätte? Man weiß es nicht. Sonst weiß man über sie natürllch sehr viel, und das unterscheidet sie von der überwiegenden Mehrheit ihrer Untertanen. Die Durchschnittsengländerin des 19. Jahrhunderts war keine Adlige, ihr Bruder kein berühmter Meisterdetektiv. Es wurden allerdings auch die wenigsten von irren Serienmördern umgebracht. Die Hauptprobleme der zahlreichen „kleinen Leute“, die ihr Leben in den Jugendjahren der Industrialisierung fristeten, waren viel profaner. Was esse ich heute, und wo kriege ich es her? Mein Job ist weg und die Vermieterin steht vor der Tür. Nebenan haben sie schon wieder Typhus, die Themse stinkt zum Himmel und jetzt ist auch noch die Teekanne kaputt.

Wir wühlen uns in unserer nächsten Sendung mal durch zeitgenössische Zeitungsartikel und archäologische Befunde, die an einem der trostlosesten vorstellbaren Orte sichergestellt wurden: im Abort dreier Mietshäuser in Limehouse, einer Londoner Gegend, die man heute wohl als „sozialen Brennpunkt“ bezeichnen würde. Schaltet ein! Mittwoch, 20 Uhr auf Radio Blau!

Morgen, 14.12. bei Radio Blau: Im Tempel tauchen!

Legendäre Städte faszinieren. Vor allem, wenn unklar ist, ob es sie tatsächlich gegeben hat; da teilt sich das Publikum häufig in Skeptiker und Befürworter, und diejenigen, die fest daran glauben und sich auf die Suche machen, werden von ihrem sozialen und fachlichen Umfeld bisweilen eher belächelt als unterstützt. Nicht jede Annahme einer irgendwann einmal gewesenen Siedlung ist gleich plausibel, und manche legendären Orte hat es wohl tatsächlich in der überlieferten Form nie gegeben. Aber es ist auch nicht alles Quatsch; denn ab und zu gelingt ja ein positiver Beweis. Niemand würde heutzutage mehr ernsthaft anzweifeln, dass es Troja gibt*, und diese Stadt schien über Jahrhunderte ins Reich der Sagen und Mythen verbannt.

Von Sailko - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

Helena von Troja passt hier aus drei Gründen rein: Sie soll auch mal in Herakleion gewesen sein. Beide Städte waren jahrhundertelang verschüttet. Und zu allem Überfluss stammt dieses Fresco auch noch aus Pompei. Als wolle jemand ihre Spur tilgen. Von Sailko, CC BY-SA 3.0

Noch ein bisschen spektakulärer ist es natürlich, wenn so ein sagenhafter Ort sich auch noch am Meeresgrund befindet. Das wirkt noch ein bisschen entrückter. So musste es vielleicht wirklich bis in dieses Jahrtausend dauern; bis es Satellitenfotos, GPS und leistungsstarke Sonargeräte gab nämlich, um die Orte wiederzufinden, über die wir am Mittwoch bei Skulptur Kaputt sprechen wollen: Das alte Königsviertel von Alexandria und die ägyptische Stadt Herakleion/Thonis, deren Existenz nur in sehr wenigen antiken Quellen erwähnt wird und deshalb tatsächlich bis zuletzt angezweifelt wurde.

Wie es Städte aus dem alten Ägypten so an sich haben, war natürlich nicht nur die Entdeckung an sich spektakulär, sondern auch die Fundstücke, die zehn Meter unter der Oberfläche geduldig auf tauchende Archäologen gewartet haben. Vielleicht gestattet mir Lars sogar, ein paar Minuten über Technik zu sprechen. Also Schnorchel** auf und eingeschaltet um 20:00!

 

*Das nehme ich natürlich sofort zurück. Irgendwer bezweifelt das bestimmt. Aber diese Leute nehme ich hier qua Hausrecht mal kurz nicht ernst.

Morgen, 16.11. bei Radio Blau: Bis ans Ende der Welt!

Polynesien liegt sehr weit weg, praktisch egal von wo man guckt. Umso erstaunlicher ist es, dass die verstreuten Inseln im Pazifik schon sehr, sehr lange besiedelt sind; mindestens seit 3000 Jahren, wahrscheinlich schon viel länger. Weitgehende Uneinigkeit scheint allerdings darüber zu herrschen, wo die Menschen herkamen, die als erstes die Vorzüge von blauen Lagunen und Ukulelenmusik für sich entdeckt haben. Kamen sie aus Neuguinea und betrieben eine Art Inselhopping?  Kamen sie aus Amerika und überließen sich für mehrere Monate der Strömung, ohne auch nur ahnen zu können, ob jemals wieder Land in Sicht sein würde? Waren es gewiefte Seefahrer vom asiatischen Kontinent? Linguistik, Keramik, Pflanzen und Windrichtungen geben zwar jedes seine Hinweise, aber eigentlich schreien sie alle durcheinander und wollen nicht so recht zusammenpassen. Lars und ich gucken uns das morgen mal an, also raus aus der Kälte und – wenigstens in Gedanken – ab in die Südsee!

Ozeanien. Wer da ist, ist sehr weit weg. Manchmal ist das bestimmt gar nicht so schlecht.

Noch ein paar Tausend Kilometer von Australien aus in See gestochen, und wir sind in Polynesien. Wer da ist, ist sehr weit weg. Manchmal ist das bestimmt gar nicht so schlecht. Karte geklaut bei den Wikimedia Commons.

Guédelon (2): Massen und Messen

Es ist schon ein Weilchen her, dass wir im Radio über Guédelon gesprochen haben. Währenddessen ging es auf dieser Baustelle aber voran: Langsam, aber stetig wachsen die Mauern, werden die Innenräume dekoriert und nähert sich die Burg ihrer Fertigstellung, die für das Jahr 2023 geplant ist.

Dass so ein Burgbau lange dauert und schwierig ist, liegt auf der Hand. Wie er sich aber zu gotischen Zeiten ganz genau abgespielt hat, kann man sich wohl kaum vorstellen, wenn man nicht selbst dabei war; genau das ist die Motivation hinter dem ganzen Projekt. Am Anfang stand die Frage „Wie haben die das gemacht?“ Und da man niemanden mehr fragen kann, der vor 800 Jahren dabei war, ist eine mögliche Antwort eben: „Probieren wir es aus!“

Seit Beginn der Bauarbeiten waren Besucherinnen in Guédelon willkommen. Wer das abgelegene Handwerkerdörfchen, das sich um die Baustelle gebildet hat, findet, kann es zu den Öffnungszeiten betreten, sich in aller Ruhe umsehen, den Handwerkern über die Schulter schauen und sich ihr Tun erklären lassen. Zwei unserer treuesten Hörer* sind in diesem Sommer dort gewesen und haben mir freundlicherweise allerhand Mitbringsel sowie tonnenweise Bild- und Videomaterial überlassen, um es auf diesem Blog zu veröffentlichen. Es könnte also sein, dass das Thema Guédelon hier noch sehr viel Raum einnehmen wird.

Heute geht es mir vor allem um zwei Hilfsmittel, die wohl auf jeder mittelalterlichen Burgbaustelle eine Rolle gespielt haben dürften. Zwei Schwierigkeiten galt es zu überwinden: Schwierigkeit 1: Die Materialien mussten irgendwie transportiert werden, und zwar nicht nur in der Horizontalen, sondern auch in der Vertikalen, sprich von hinten nach vorne und dann auch noch nach oben. Schwierigkeit 2: Auch wenn man es mit schweren Steinklötzen zu tun hat, sollte man möglichst exakt arbeiten, denn auch noch so dicke Mauern helfen nicht weiter, wenn sie krumm und schief sind und sich keine Tür einpassen lässt.

Nun gab es weder Lastenaufzüge noch Dieselmotoren, aber ein paar Grundsätze der Mechanik waren schon bekannt. Bereits in der Antike hatte es Flaschenzüge und Krane gegeben, und zur Zeit des Hochmittelalters erfuhren diese alten Hilfsmittel eine Wiedergeburt. Allgegenwärtig: Treträder. In so einem Tretrad zu laufen war nicht nur anstrengend, sondern durchaus auch gefährlich: Man stelle sich nur einmal vor, man stolpert in so einem Rad, gerät mit dem Arm zwischen zwei Querstreben und wird wegen der Trägheit noch ein Stück weiter gedreht**. Um den Lauf des Rades möglichst unter Kontrolle zu halten und nach Wunsch anzuhalten bzw. loslaufen zu lassen, konnte es immerhin von außen mit einer Bremse gestoppt werden.

Darüber hinaus ist das Seil, an dem die Last befestigt ist, nicht weiter geführt, wie man im Video sehen kann. Zu schnell darf die Beförderung nach oben also auch deshalb nicht gehen, damit keine unkontrollierten Schwingungen oder Rotationen auftreten, wodurch das Transportgut benachbarte Konstruktionen beschädigen oder sogar Menschen verletzten könnte.

Nun haben wir also unseren Steinbrocken glücklich nach oben gebracht. Vielleicht wollen wir jetzt eine neue Mauer anfangen, die im rechten Winkel zu einer anderen Mauer stehen soll. Wie das? Die gotischen Arbeiter gucken sich um und stellen traurig fest, dass sie kein Winkelmaß und keine fancy Lasertools zur Verfügung haben. Anstatt sich hinzusetzen und darauf zu warten, dass beides erfunden wird, wissen sie sich aber zu helfen: Sie nehmen eine Schnur und machen 12 Knoten hinein.

Dies ist nicht einfach nur ein Strick mit Knoten. Es ist ein Strick mit 12 Knoten, deren Abstände zueinander exakt gleich sind. 12=3+4+5, woran erinnert uns das?

Dies ist nicht einfach nur ein Strick mit Knoten. Es ist ein Strick mit 12 Knoten, deren Abstände zueinander exakt gleich sind. 12=3+4+5, könnte das irgendwie von Nutzen sein?

Dabei handelt es sich nicht um ein heidnisches Ritual, das den Winkelgott gnädig stimmen soll, sondern um eine Anwendung des uralten Prinzips: Hast Du ein geometrisches Problem, teil es in Dreiecke auf.

Spätestens seit 2500 Jahren, wahrscheinlich schon länger, weiß die Menschheit, dass jedes rechtwinklige Dreieck folgende Eigenschaft hat: Addiere ich die Kathetenquadrate, erhalte ich das Hypotenusenquadrat. Pythagoras soll als erster den Beweis für diesen Zusammenhang erbracht haben, und deshalb heißt der jetzt auch Satz des Pythagoras.

Ein rechtwinkliges Dreieck. Die Seitenlängen von Kathete, noch ner Kathete und Hypotenuse entsprechen exakt dem Verhältnis 3:4:5

Ein rechtwinkliges Dreieck. Die Seitenlängen von Kathete, noch ner Kathete und Hypotenuse entsprechen exakt dem Verhältnis 3:4:5

Klingt kompliziert, ist es aber nicht. Angenommen, ich habe ein rechtwinkliges Dreieck, von dem ich weiß, dass die beiden Seitenlängen, die den rechten Winkel einschließen, 3 m und 4 m sind. Aus irgendeinem Grund will ich aber wissen, wie lang genau die gegenüberliegende Seite ist. Vielleicht möchte ich eine schräge Trennwand in ein Zimmer einziehen und kenne nur die Länge der bereits vorhandenen Wände, aber nicht die Strecke von Ecke zu Ecke. Diese Strecke kann ich aber einfach  ausrechnen: 3²+4² = 9 + 16 = 25, daraus die Wurzel sind 5, die Hypotenuse ist also 5 m lang.

Das funktioniert natürlich auch andersherum! Wenn ich ein Dreieck bauen will, bei dem ich mir sicher bin, dass einer seiner Winkel exakt 90° entspricht, dann wähle ich eben Seitenlängen, die den Satz des Pythagoras erfüllen. Und damit mein Dreieck schön handlich ist und in jede Jackentasche passt, mache ich es einrollbar. Eine Schnur mit 3+4+5=12 Knoten!

Tada! Und wieder hatte Pythagoras recht: 3²+4²=5². Ein untadeliger rechter Winkel.

Tada!  3²+4²=5². Ein untadeliger rechter Winkel.

Das Grundprinzip findet noch heute Anwendung, auch wenn keine Knotenschnüre mehr verwendet werden, sondern Maßbänder, Gliedermaßstäbe und für längere Strecken eben auch fancy Lasertools. Die machen das Messen einfacher, aber unmöglich war es auch im Mittelalter nicht. Nur umständlicher. Wie zuverlässig solche einfachen Methoden funktionieren, beweist die simple Tatsache, wie weit das Projekt seit 1997 schon gediehen ist…

halle

 


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*Die auf ihre explizite Nennung ausdrücklich verzichten wollen. Es sei soviel gesagt: Vielleicht sind sie eng mit mir verwandt, und vielleicht sind sie etwa 30 Jahre älter als ich.
**Das Szenario, das ich mir in der ersten Fassung des Artikels überlegt hatte, war ein wenig unrealistisch, daher hier ein etwas entschärfter Arbeitsunfall.